Kettcar: Ich vs. Wir – Album Review

Kettcar: Ich vs. Wir – Album Review

 

Besser und wichtiger denn je

Diese Band braucht das Land. Nach fünfeinhalb Jahren Pause und einem Marcus Wiebusch-Soloalbum, meldet sich die Hamburger Band Kettcar zurück. Ich vs. Wir ist das fünfte und aussagekräftigste Album des Quintetts. Kettcar mischen sich ein und das neue Album ist ein Glücksfall für Zeit der politischen AfD-Verrohung Deutschlands. In Zeiten, in denen Teile der Bevölkerung wie im Kettcar-Song „Den Revolver entsichern“ möchten, wenn sie nur das Wort „Gutmensch“ hören, wie Sänger Marcus Wiebusch treffend konstatiert. In Zeiten, in denen Ideale wie „Peace, Love and Understanding“ scheinbar nicht mehr en vogue sind, darf man sich „von den verbitterten Idioten nicht verbittern lassen“.

Sounds & Books_Kettcar_Ich cs. Wir_CoverKettcar treten auf Ich vs. Wir mit dem moralischen Anspruch an, den Humanismus in den Mittelpunkt zu stellen und treffen in Tracks wie „Wagenburg“ und natürlich dem zentralen „Sommer `89 (Er schnitt Löcher in den Zaun)“ punktgenau den heutigen Zeitgeist, in der deutsche Geschichte und gegenwärtige  Weltpolitik verknüpft werden. In der von Kettcar beschriebenen „Mannschaftsaufstellung“ dieses Landes, in der „radikal, aggressiv, stolz und national“ im Zentrum gespielt wird, kann die Antwort nur heißen: „Ich bin gegen Deutschland“. Ich vs. Wir ist ein wichtiges Statement zur Lage der Nation und die richtige Antwort auf die diffusen Ängste, Parolen und Pöbeleien, die sich Menschen mit Identitätsproblemen momentan in Deutschland leisten.

Kettcar stellen niemanden in den Senkel, benennen aber die Probleme und beziehen Stellung unter Einbeziehung des Individuums im Verhältnis zur Masse, eine Thematik, die im Heartland-Rock-Opener „Ankunftshalle“ eingeführt wird und sich durch das gesamte Album zieht. Kettcar sind Moralisten ohne den erhobenen Zeigefinger, aber kluge Beobachter und Kausalisten. Der gewohnte Kettcar-Indie-Pop-Rock hierzu nuanciert verändert und detailreicher, man denke an „Trostbrücke Süd“, das im Wehmuts-Pop beginnt und in ein Breitwandszenario mündet. Ganz großes Kino mit der herrlichen Schlusszeile „Wenn du das Radio ausmachst, wird die Scheißmusik auch nicht besser“.

„Das Gegenteil der Angst“ hingegen ein hypnotischer und ruhiger Pol des Albums, während „Mit der Stimme eines Irren“ den New Wave und „Benzin und Kartoffelchips“ den Punk plündert. „Die Straßen unseres Viertels“, „Wagenburg“ und „Auf den billigen Plätzen“ inhalieren den opulenten und bekannten Kettcar-Gitarren-Pop-Rock. Nach der selbstauferlegten Pause ist die Band Kettcar besser und vor allem wichtiger denn je und mit Ich vs. Wir auf dem Karrierehöhepunkt angekommen.

„Ich vs. Wir“ von Kettcar erscheint am 13.10.2017 bei Grand Hotel van Cleef (Beitragsbild: Andreas Hornoff).

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