Brian May: Queen in 3D

Brian May: Queen in 3D

 

Ein facettenreiches und beeindruckendes Queen-Buch

Wie gut, dass es die Frühstücksflocken der Firma Weetabix gibt, denn sonst hätte die Queen-Biografie in 3D von Gründungsmitglied und Leadgitarrist Brian May womöglich gar nicht entstehen können. „Dieses Buch ist eine Reise“, schreibt Brian May im Vorwort, und die Reise beginnt im Jahr 1959, als die Songs von Buddy Holly, Little Richard und Elvis Presley im Radio gespielt und auf Vinyl gepresst wurden. Doch der damals zwölfjährige Brian fand nicht nur Rock’n’Roll aufregend, sondern auch einen Gimmick, der in einem „fettfesten kleinen Umschlag“ in der Packung Frühstücksflocken von Weetabix steckte: eine „Pappkarte mit zwei Fotos nebeneinander“, die fast identisch aussahen.

Ein Shilling und sechs Pence sollte der zugehörige Vistascreen-Viewer kosten – das Stereoskop, in das Brian May die Pappkarte schließlich einschob, um das Foto, es zeigte zwei Flusspferde mit weit aufgerissenem Maul, „in herrlichem 3D-Realismus“ betrachten zu können. Der Moment, in dem das zweidimensionale, flache Bild sich durch den simplen Viewer in einen dreidimensionalen, ungeheuer lebendig wirkenden Raum verwandelt hat, war für Brian May offenbar so faszinierend, dass er sich bis heute intensiv mit stereoskopischer Fotografie beschäftigt und auch die Jahrzehnte mit Queen auf und neben der Bühne stereoskopisch dokumentiert hat.

Etwa 350 Fotos aus dem riesigen Fundus sind nun in diesem auch handwerklich ausgesprochen wertigen Band versammelt, an dem Brian May zusammen mit dem Stereoskopie-Historiker Denis Pellerin und dem Queen-Archivar Greg Brooks drei Jahre lang gearbeitet hat. Der patentierte OWL-Stereoscope-Viewer zum Betrachten der Fotos steckt, gut verpackt in einer soliden Schutzhülle, zusammen mit dem eigentlichen Buch in einem Schuber. Auf der Innenseite der Schutzhülle ist die Gebrauchsanweisung zum Zusammenbau und zur Benutzung des Viewers zu finden. Dieser ist mit wenigen Handgriffen erledigt, und schon nach einer kurzer Phase des Ausprobierens ist klar, dass der Bruch mit den üblichen zweidimensionalen Sehgewohnheiten wirklich frappierend ist: Man blickt in eine räumliche Tiefe, in der das Abgebildete oftmals wirkt wie im Modellbau, wie eine kleine, verzauberte Miniaturwelt, auf der jede Einzelheit erstaunlich detailliert und präzise zu erkennen ist.

Sounds & Books_Brian May Queen in 3DDie Band Queen ist bekannt für ihre prächtigen Bühnenauftritte mit teils schrillen Kostümen und spektakulären Lichteffekten, für die monumentalen Stadionkonzerte. Diese Bilder, die das Image von Queen prägen, werden natürlich auch in dem Buch gezeigt, manche im 3D-Format, andere als ganzseitige, opulente Mono-Abbildungen. Die Begleittexte, die Brian May persönlich und ohne Ghostwriter zu den Fotos geschrieben hat, erzählen aber nicht die Geschichte vom heldenhaften Aufstieg der vier Bandmitglieder auf der Bühne, sondern würdigen vielmehr die Menschen hinter den Kulissen – Kostüm- und Lichtdesigner, Toningenieure, Gitarrentechniker, Tourmanager, Garderoben-Mitarbeiter, Dolmetscherinnen und andere – die Queen zu ihrer Einzigartigkeit verholfen haben.

Die spektakuläre Seite von Queen darf natürlich nicht fehlen, aber es sind nicht diese Fotos, die überraschen. Überraschend und auf ganz andere Art spektakulär waren die vielen feinen und sehr zarten Momente, die Brian May in seinen Bildern und Texten aufscheinen lässt; diese Bilder, in die man sich wirklich vertiefen muss, wenn man sie durch den Viewer anschaut, haben schon bald einen stillen Sog entfaltet, dem man sich nur schwer entziehen kann.

Es gibt den noch jungen Brian May mit Kurzhaarschnitt ohne Lockenpracht zu sehen; es gibt einen überschwänglich, offen und froh lächelnden John Deacon, einen grimmigen Roger Taylor; wir sehen fast schon gespenstisch wirkende, mehrfach belichtete 3D-Selfies von Brian May, dann wieder experimentelle Selbstporträts und Stillleben in Schwarzweiß – und sogar Brians Katze Squeaky zeigt sich dreidimensional auf dem Dach seiner Wohnung in Queen’s Gate!

Zum Schluss noch eine kurze Bemerkung zum Verhältnis von Text und Bild. Der Text ist einerseits als kurze Erläuterung des Bildmaterials gedacht. Andererseits gibt es auch längere Passagen, zum Beispiel einführend zur Geschichte der Stereoskopie oder zur Lichttechnik auf einer Stadionbühne in den 1980er-Jahren oder auch eine „Gitarren-Fachsimpelei“, in der die Besonderheit der berühmten Red Special beschrieben wird. Der schnelle Wechsel zwischen dreidimensionaler Bildebene und zweidimensionaler Textebene gelingt problemlos; so kann man sich das Bild in 3D anschauen und gleich darauf die zugehörige Erläuterung lesen oder sich erst mal ausschließlich in die Bilder vertiefen und sich den Text später eigenständig vornehmen.

Fazit: Queen in 3D ist ein wirklich beeindruckendes, facettenreiches und unbedingt empfehlenswertes Buch mit mal informativen, mal berührenden Texten, mit vielen magischen Momenten und ganz erstaunlichen Einblicken in die Queen-Geschichte auf, neben und hinter der Bühne – für Queen-Einsteiger genauso geeignet wie für Fortgeschrittene.

Brian May: „Queen in 3D“, earBooks bei Edel Germany, aus dem Englischen von Egbert Neumüller, Hardcover, 256 Seiten, 350 Bilder, 978-3- 94357329-9, 39, 95 €.

Kommentar schreiben