Interview mit Slime-Sänger Dirk Jora

Interview mit Slime-Sänger Dirk Jora

 

Hier und Jetzt ist die beste Platte, die wir jetzt machen konnten“

Am 29.09. erscheint mit Hier und Jetzt das neue Album der Hamburger Polit-Punk-Rock-Band Slime. Es ist der Nachfolger der 2012 veröffentlichten Comeback-Platte Sich fügen heißt lügen. Zu diesem Anlass führte Sounds & Books-Redakteur Sebastian Meißner ein Gespräch mit Slime-Sänger Dirk Jora (Beitragsbild: Viktor Schanz).

 

„Hier und Jetzt“ ist ein sehr vielseitiges und kraftvolles Album geworden. Woher kommt dieser spürbar frische Wind?

Den musst du dir natürlich auch erarbeiten. Es sind bei uns ja fast fünf Jahre vergangen seit dem Erich Mühsam-Album und wir sind durch viele harte Diskussionen gegangen: Muss es noch ein neues Album geben? Soll es eins geben? Das sind Fragen, die du dir irgendwann stellst, wenn du so lange als Band zusammenarbeitest. Aber irgendwann haben wir gesagt: Wir wollen. Und dann haben wir die Arbeit begonnen. Ja und dann kriegt das irgendwann so eine Eigendynamik. Dann segelst du und bist im Flow. Und so war das auch bei uns.

 

Die Songs von „Sich fügen heißt lügen“ haben in der Setlist bei Konzerten immer eher eine untergeordnete Rolle gespielt. Wart ihr im Nachhinein gar nicht so zufrieden mit dem Album?

Das würde ich nicht sagen. Es gibt ja schon 3, 4 Songs, die sich bei Konzerten fest etabliert haben, u.a. der Titelsong und „Wir geben nicht nach“ und so. Es ist eher so, dass wir hier ein Luxusproblem haben. Wir nähern uns live ja einer Spielzeit von zwei Stunden und da musst du selektieren. Wenn man sich mal überlegt, dass wir von „Viva La Muerte“, das zwar speziell war, aber viele tolle Songs hatte, keinen einzigen Song spielen, dann sind vier Stücke von „Sich fügen heißt lügen“ schon eine ganze Menge. Die Songauswahl ist also echt ein Problem – und das wird jetzt nochmal größer. Denn wir wollen vom neuen Album mindestens zehn Stück spielen. Klar ist aber auch: Keine Slime-Show ohne „Deutschland muss sterben“, „Alle gegen alle“, „Religion“, „Alptraum“, „Störtebecker“, etc. Also wir stoßen da zwangsläufig an Grenzen. Und nochmal zu deiner eigentlichen Frage: Auf dem Weg zu diesem Album war das Mühsam-Album genau richtig.

 

Ich hab den Eindruck, dass die Erwartungshaltung von Fans und Kritikern an euch immer besonders hoch ist. Ein schwaches oder irgendwie müdes Album würde man euch vermutlich weniger verzeihen als anderen Bands. Spürt ihr diesen Druck oder ist das nur eine Wahrnehmung von außen?

 Das stimmt schon zum Teil. Aber mit dem Druck leben wir ja schon seit 1980. Das ist nichts Neues für uns. Und dazu kommen dann noch die ewigen Kommerzvorwürfe. Das ist bei uns immer präsent. Und wir sind damit ja auch nicht alleine. Ich war mal eine Woche mit Rio Reiser unterwegs und der hat mir erzählt, dass es bei Ton Steine Scherben genauso war. Und klar nervt das. Aber wir haben uns inzwischen ein dickes Fell zugezogen gegen ungerechtfertigte Vorwürfe. Und dazu noch ein anderer Gedanke: Das Netz ist nicht repräsentativ. Was im Internet abgeht, hat nichts mit dem zu tun, was sich zum Beispiel im Konzertsaal abspielt. Das sind zwei verschiedene Paar Schuhe. Im Netz wird gepöbelt und beleidigt, im Saal ist eine positive Energie. Dass manche Leute uns fallen sehen wollen, ist vom ersten Tag an so gewesen. Dieses Phänomen an sich gibt es übrigens in anderen Ländern so nicht. Wenn wir mit internationalen Bands spielen, denen wir davon erzählen, dann können die das manchmal nicht glauben. Die Leute dort sagen: „Cool, das sind welche von uns und die sind jetzt erfolgreich. Wie geil ist das denn?“ Keine Ahnung, warum das bei uns anders ist. Vielleicht liegt es an der Sonne?

 

Dann taucht bei euch ja auch immer diese Frage auf: Ist das jetzt noch Punk? Habt ihr euch eigentlich je selbst als Punks bezeichnet? Spielt das für euch überhaupt noch eine Rolle?

 Nein. Absolut null. Never ever. Wir haben Punk immer als eine freie Angelegenheit begriffen. Und deshalb war es immer schon falsch, wenn man uns als „Deutschpunker“ bezeichnet hat. Wir machen keinen Deutschpunk, erst recht keinen Bumm-Tschak-Punk. Klar, unsere Geschichte basiert auf Punk, aber genauso auf den New York Dolls, Led Zeppelin, den frühen Stones, auf Ton Steine Scherben. Auf Rockmusik eben. Aber diese ganzen Klischees, dieses Schubladendenken, hat uns sowieso noch nie interessiert. Christian hat mal gesagt, dass wir Protestlieder spielen. Da hat er Recht. Mit dieser Kategorie kann ich gut leben.

 

Zurück zur neuen Platte: Ihr habt neben den gewohnten Brettern auch diesmal wieder ein paar  musikalische Überraschungen dabei. Zum Beispiel kann man auf „Ich Kann Die Elbe Nicht Mehr Sehen“ erstmals Bläser auf einem Slime-Album hören. War es eine bewusste Entscheidung, den Sound etwas zu öffnen?

Nein. Das hat sich eher so ergeben. Christian hat in Berlin ein Studio eröffnet und ist dort in der Szene sehr gut vernetzt und so kommst du dann an die Bläser von Seeed ran. Wobei das ja auch nicht ganz neu ist. Live haben wir ja auch schon in der Vergangenheit mit Bläsern gespielt. Die einzige echte Neuerung meiner Meinung nach ist „Patrioten“, die Zusammenarbeit mit Irie Revolté. Da haben wir fette Beats und Raps verarbeitet. Und auch „Hier und Jetzt“ fällt ein bisschen aus dem Rahmen, weil es eine Ballade ist. Aber vielschichtig waren ja auch die früheren Alben schon. Hör dir mal „Viva La Muerte“ an: Da reicht die Palette von Irish Folk über Sauflieder bis Metal. Bei „Hier und Jetzt“ ging es nicht darum, möglichst viele Stile zu vereinen. Uns war vor allem wichtig, dass es ein typisches Slime-Album ist. Dass wir den Live-Schwung mitnehmen. Dass alles frisch klingt: die Texte, die Musik, der Sound. Und das ist uns gelungen. Nichts klingt nach alten Säcken, die sich noch irgendwas rauspressen müssen.

 

Welchen Anteil hat Produzent Oliver Zülch daran?

Oliver Zülch hat unter anderem die Sportfreunde Stiller gemacht und auch die Ärzte. Normalerweise hätten wir uns den gar nicht leisten können. Aber er hatte Bock auf Slime. Und wir haben uns mit ihm hingesetzt und ihm gesagt, was wir uns vorstellen. Wir sind schon gebrandmarkt in Sachen Albumproduktion. Unsere ersten Alben sind so katastrophal aufgenommen, dass ich sie selbst nicht ertragen kann. Der Sound darauf ist grauenhaft. Und diesmal sollte es anders werden. Und das hat Oliver hinbekommen.

 

Ihr habt diesmal viele Gäste dabei. Gab es irgendeine Begegnung, die euch besonders viel Spaß gemacht hat?

 Das sind alles einzelne Kapitel einer großen Geschichte. Wir haben viele Freunde und Bekannte von uns eingeladen. Das finde ich einfach toll, diese Mischung von Menschen, die wir auch musikalisch sehr schätzen. Rod zum Beispiel (Anmerkung: der Ärzte-Bassist) kennen wir seit 1978 und er hat uns schon gemixt, mal auf der Bühne ausgeholfen und kam diesmal bei den Aufnahmen vorbei und hat mal eben das Intro zu „Banalität des Bösen“ eingespielt. Mit Irie Revoltés haben wir in der Vergangenheit schon live zusammengespielt. Da lag es auf der Hand, dass wir mal zusammen was aufnehmen werden. Und „United“, bei dem Enrico von der Los Fastidios und Paul von The Wakes  dabei sind, war meine Idee. Ich wollte unbedingt was Positives auf der Platte haben, eine Oi-Punk-Hymne. Ich hab mir dabei das Jolly Roger vorgestellt, die St. Pauli-Fankneipe gegenüber vom Stadion. Der DJ legt morgens um zwei den Song auf und der Laden fliegt weg und alle grölen mit. Und genauso ist der Song geworden.

 

Textlich teilt ihr auf der Platte wieder ordentlich aus, zum Beispiel gegen V-Männer, Besorgte Bürger, Patrioten, Spießer. An Themen hat es euch offensichtlich nicht gemangelt… 

Es macht ja sonst keiner. Es macht ja kein Bosse. Markus Wiebusch macht seit Kettcar ganz bewusst keine politischen Lieder mehr. Die Toten Hosen sind mit dem neuen Album inzwischen Lichtjahre davon entfernt. Die Ärzte gibt es nicht mehr, die haben mit „Schrei nach Liebe“ aber damals das Nonplusultra eines politischen Hits abgegeben. Aber außer Feine Sahne Fischfilet sehe ich da keinen, zumindest keine große Band, die sich das traut. Und ich gebe dir Recht: So zynisch das ist – je beschissener die Welt da draußen ist, desto stärker müsste die Politisierung in der Musikszene sein. Aber das passiert nicht.

 

Woran liegt das? Hast du eine Erklärung dafür?    

Keine Ahnung. Vielleicht an Plattenfirmen, die Angst um Verkäufe haben. Vielleicht an den Musikern selbst, die Angst haben, ihre Fans zu verlieren. Mit politischen Aussagen machst du dich ja auch angreifbar. Das wollen viele nicht. Slime müssen sich ständig Diskussionen stellen. Gut, das ist auch unsere anerkannte Rolle. Das tun wir auch und gerne. Aber manchmal ist das auch anstrengend, das kann ich dir auch sagen.

 

Du wirkst sehr zufrieden mit „Hier und Jetzt“. Ist es die beste Slime-Platte bisher?

Ach, das weiß ich nicht. Aber es ist die beste Platte, die wir jetzt machen konnten. Und ich höre sie in Dauerschleife. Bei jeder Autofahrt, immer und immer wieder. Und jedes Mal fühlt sie sich gut an.

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