Julia Wolf: Walter Nowak bleibt liegen – Roman

Julia Wolf: Walter Nowak bleibt liegen – Roman

 

Ein stilistisch enervierender Roman auf der Longlist Deutscher Buchpreis 2017

Da liegt er also, der 68-jährige Walter Nowak. Blutend auf den Fliesen seines Badezimmers. Zum ersten Mal ist er länger als zwei Tage von seiner zweiten, wesentlich jüngeren Frau Yvonne getrennt und schon erfährt sei Leben gravierende Erschütterungen. Täglich hält sich Walter Nowak fit und schwimmt seine 1000 Meter. Als eine jüngere Frau ihr Schwimmtalent zeigt, packt Walter Nowak der Ansporn, mithalten zu können. Leider prall er mit voller Wucht gegen die Beckenwand und seitdem irrlichtert er in seiner sprunghaften Gedankenwelt und lässt sein Leben Revue passieren.

Als Sohn eines „Amiliebchen“ vaterlos in der hessischen Provinz aufgewachsen, gestaltete Nowak sein deutsches Nachkriegsleben als Gründer eines Hebebühnen-Unternehmens („Wenn hoch, dann Nowak“) wirtschaftlich erfolgreich. Seine erste Ehe mit Gisela geht nach einer Affäre mit seiner Sekretärin in die Brüche, zu seinem Sohn Felix hat der große Elvis Presley-Fan kaum mehr Kontakt. In seinem nimmermüden inneren Monolog taumelt Walter Nowak durch seine Vergangenheit, einer Tumorverdachtsdiagnose als letzte Schreckensnachricht inklusive. Die Vita des viralen, aber engstirnigen Rentners hätte durchaus den Stoff für einen großen deutschsprachigen Roman. Leider jedoch wählt Julia Wolf den unerquicklichen Bewusstseinsstrom als literarisches Mittel, der in Walter Nowaks gehechelter Kurzatmigkeit sehr schnell einfach nur nervt.

Kein Meister vom Himmel. Das habe ich mir anders. Doch ziemlich zäh, ziemlich grau. Natürlich esse ich es trotzdem, muss ich halt gründlich kauen. Ich sitze auf dem Sofa und kaue, das Messer in der einen Faust, in der anderen die Gabel. Im Fernsehen endlose Weite, tiefblaue See. Rotieren der Blätter, Hubschrauberflug.

Sounds & Books_Julia Wolf_Walter Nowak bleibt liegen_CoverNatürlich ist dieser stream of consciousness in sich stimmig und selbstverständlich gelingt der 1980 in Groß-Gerau geborenen Wolf „ein Psychogramm der besonderen Art“ wie der Tagesspiegel behauptet, und auch einen „ganz eigenen Walter-Sound“, wie bei Literaturen zu lesen ist, kreiert Julia Wolf. Allerdings ist es mehr ein moderner Hip Hop- und Rap-, als ein Rock’n’Roll-Sound, der alters- und hobbygerecht Walter Nowak besser zu Gesicht stünde. Die Aussage, Walter Nowak bleibt liegen sei eine „sehr präzise und komisch-anrührende Männerstudie“, wie wir bei lustauflesen.de erfahren, ist nur zur Hälfte richtig. Präzise Männerstudie ja, komisch-anrührend weit weniger, denn so unreflektiert Walter Nowak seinem Leben gegenübertritt, so distanziert und unberührt bleibt der Leser seinen ausgeführten Gedanken gegenüber verhaftet.

Das Problem dieses Romans: Julia Wolf erzählt die Geschichte Walter Nowaks nicht. Nowaks Bewusstseinsstrom springt teilweise chaotisch durch die Zeiten und vermaledeit einem dann doch das Interesse am Plot. Starke Szenen wie die Begegnung zwischen Walter Nowak und seinem Sohn Felix während eines unheilvollen Gewitters gibt es in diesem Roman nichtsdestotrotz. Hier erschafft Julia Wolf eine kribbelnde, bedrohliche und packende Atmosphäre. Ihre Figur indes suhlt sich fast durchgehend in überholten männlichen Rollenmustern. Dass Walter Nowak bis zum Ende ein unsympathischer Kerl mit vielen Reibungspunkten bleibt, den Wolf jedoch nicht mit dem Nasenring durch die Manege vorführt, das muss man ihr zu Gute halten, damit kann man leben. Wenn da nur nicht dieser holprige innere Monolog wäre.

Julia Wolf: „Walter Nowak bleibt liegen“, Frankfurter Verlagsanstalt, Hardcover, 160 Seiten, 978-3-627-00233-6, 21 €.

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