Sven Regener: Wiener Straße – Roman

Sven Regener: Wiener Straße – Roman

 

Sven Regener und sein Kreuzberg von 1980

Frank Lehmann ist wieder da. Zwar nicht mehr als zentraler Mittelpunkt, doch knüpft Sven Regener in seinem neuen Roman Wiener Straße direkt an den Abschluss seiner Herr Lehmann-Trilogie an, die 2008 mit dem Band Der kleine Bruder endete. War jedoch das zeitliche Mittelteil zwischen Neue Vahr Süd und Herr Lehmann das schwächste der Reihe – allerdings lag die Messlatte aufgrund Regeners Vorlagen extrem hoch – brilliert der Sänger von Element Of Crime in seinem fünften Roman, 2013 erschien das nun verfilmte Buch Magical Mystery Tour oder: Die Rückkehr des Karl Schmidt, mit dem fabelhaften Witz, der seine ersten beiden literarischen Werke so unwiderstehlich machte.

Wir erinnern uns: Im November 1980 haut Frank Lehmann aus Bremen ab, um in Berlin seinen älteren Bruder Manfred zu besuchen. Der ist verschwunden und Frank lernt seinen Vermieter Erwin Kächele, dessen Nichte Chrissie sowie die Künstler Karl Schmidt und H.R. Ledigt kennen, mit denen Manfred gemeinsam in einer Fabriketage eines Kreuzberger Hinterhauses wohnte. Da nun Erwins bessere Hälfte Helga schwanger ist, quartiert er seine Mitbewohner, die er liebevoll „Pfeifen“ nennt, in eine von ihm angemietete Bude über seiner Kneipe „Café Einfall“ in der Wiener Straße. Das Personal ist also hinlänglich aus Der kleine Bruder bekannt, selbstverständlich tauchen noch der exzentrische P. Immel und seine verschrobene Künstlertruppe der ArschArt-Galerie auf, und bereits am Anfang des Romans setzt Regener alles auf eine Karte und gewinnt.

Sounds & Books_Sven Regener_Wiener Straße_Cover9783869711362_10Der zweite Satz von Wiener Straße erstreckt sich über geschlagene drei Seiten und wo früher die Gedankenwelt Frank Lehmanns steckte, so sieht sich der Leser nun mit Erwins Sicht der Dinge konfrontiert. Und die wird von Sven Regener in einem nicht minder atemberaubenden Tempo erzählt.  Erwin, der doch nur wollte, dass endlich „Ruhe einkehrte in seinem Leben“, doch diesem Wunsch steht die „ganze punkfreakverblödete Dusseligkeit“ seiner inzwischen Ex-Mitbewohner im Weg. Die finden bei der Renovierung der neuen Bleibe in Nachbar Marko einen willfährigen Helfer, nisten sich, trotz Lokalöffnung ab 18 Uhr, schon tagsüber im Café Einfall ein und stiften Verwirrung in Kneipe und Kiez. Außerdem bewaffnet sich Extremkünstler H. R. Ledigt mit Kettensäge und Grabgabel aus dem Baumarkt für die nächste Objektkunstausstellung mit dem Titel „Haut der Stadt“ und Chrissies Mutter erlebt auf ihrer Zugfahrt nach Berlin all die Schikanen der damaligen deutsch-deutschen Grenze, die Regener genüßlich demaskiert, bevor sie im Café Einfalt ebenfalls kräftig mitmischt.

Sven Regeners Wiener Straße ist ein Panoptikum an kauzigen Charakteren, die der Autor bis zur kleinsten Nebenfigur (vom Journalisten, über den Kontaktbereichsbeamten bis zum Klempner) liebevoll zeichnet. Und weil die Menschen in Erwins näherer Umgebung trotz ihrem fast beiläufigen Hang zum Chaos im Grunde ihres Herzens alle so furchtbar liebe Erdenbürger sind, hat Erwin sie fest ins Herz geschlossen und kann ihnen, obwohl er sich so gerne auf Kosten unserer Lachmuskeln mit ihnen kabbelt, überhaupt nicht böse sein. Die Situationskomik, der Wortwitz, die einfallsreichen Dialoge (man denke nur an die Baumarkt-Passage mit H.R. Ledigt), Sven Regener zieht wieder alle Register seiner bestmöglichen humoristischen Qualitäten. Wiener Straße ist eine überbordende Farce auf die Kunstszene der frühen 80er, eine irrwitzige und fein beobachtete Milieustudie Kreuzbergs zur Mauerzeit und ein Roman, der völlig zu Recht auf der Longlist des diesjährigen deutschen Buchpreises steht. Und damit muss es nicht enden, die Shortlist wartet auf Sven Regener.

Sven Regener: „Wiener Straße“, Galiani Berlin, Hardcover, 304 Seiten, 978-3-86971-136-2, 22 € (Beitragsbild: Gérard Otremba).

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