Reinhard Kleist: Nick Cave – Mercy On Me

Reinhard Kleist: Nick Cave – Mercy On Me

 

Die perfekte Comic-Biografie zu Nick Caves abenteuerlichem Lebensweg

Sänger, Schriftsteller, Querkopf: Nick Cave ist eines der großen Mysterien der aktuellen Pop-Kultur. Der Australier, der in diesem Jahr 60 Jahre alt wird, geht seit fast vier Jahrzehnten einen künstlerischen Weg abseits jeglicher Konventionen. Sein umfangreiches Werk dokumentiert den oft schmerzhaften Kampf gegen innere Dämonen und äußere Lethargie. Über Cave selbst weiß man immer noch wenig. Auch wenn „20.000 Days On Earth“, die Pseudo-Dokumentation über seinen 20 000. Tag auf Planet Erde einen (zumindest inszenierten) Eindruck vom Alltag des rastlos Kreativen gegeben hat.

Reinhard Kleist, mehrfach ausgezeichneter Comic-Zeichner, hat sich nun getraut, eine Cave-Biografie zu zeichnen. Kleist, der schon erfolgreiche Comic-Biografien über Fidel Castro und Johnny Cash veröffentlicht hat, konzipiert seinen über 300 Seiten starken Band jedoch gar nicht erst als faktenbasierte Nacherzählung, sondern legt seine Erzählung als „Husarenstück aus Cave-Songs, historischen Halbwahrheiten und herrlichen Hirngespinsten“ an. Von den frühen künstlerischen Gehversuchen im Jugendalter, in dem es Cave vor allem darum ging, das enge Korsett seiner provinziellen Herkunft zu sprengen, um jeden Fall aufzufallen und zu provozieren über die ersten Live-Shows von The Birthday Party bis nach Berlin, wo er seine künstlerische Stimme findet, hin zum Durchbruch, infolge dessen Cave die großen Bühnen der Welt erobert, begleitet Kleist seinen Protagonisten.

Sounds & Books_Kleist_Nick Cave-Coverick-caveAm Ende ist es „Higgs Boson Blues“, der große Song vom 2013er „Push The Sky Away“-Album, der diesen Comic als eine Art Reflektion des eigenen Schaffens beschließt. In einem Höllenritt hat der Hörer bis dahin bereits zahlreiche Stationen samt Wegbegleiter von Nick Cave kennengelernt. Dabei handelt es sich vielleicht nicht immer um wahrhaftige, aber immer um unterhaltsame und stimmige Interpretationen der Caveschen Wege. Kleist selektiert seine Episoden clever, spart hier aus, dichtet dort hinzu und formt so eine Collage, die der Wahrheit näher sein dürfte als mancher Zeugenbericht aus der Zeit. Cave selbst war übrigens in die Produktion dieses Comics involviert. Er hat Kleist zwar freie Hand gelassen, war aber über den Entstehungsprozess informiert und steuerte sogar das Nachwort bei.

Natürlich hilft es, Vorkenntnisse mitzubringen. Das gilt für jede künstlerisch aufbereitete Biografie – man denke nur an „I’m Not There“, der irren cineastischen Aufarbeitung der Woodstock-Jahre von Bob Dylan. Doch auch ohne Vorwissen macht dieser Comic jede Menge Spaß. Dazu tragen nicht nur die anekdotenreichen Episoden bei, sondern besonders die dynamischen, oft ruppigen, doch stets mehrdeutigen und stilsicheren Zeichnungen von Kleist. Dessen Stil passt perfekt zu Caves abenteuerlichem Lebensweg. Und so funktioniert „Mercy On Me“ nicht nur einfach als Biografie-Ersatz, sondern fügt der Legende von Nick Cave eine neue Deutungsebene hinzu. Chapeau!

Reinhard Kleist: „Nick Cave – Mercy On Me“, Carlsen Verlag, Hardcover, 328 Seiten, 978-3-551-76466-9, 24,99 €

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