Virginie Despentes: Das Leben des Vernon Subutex – Roman

Virginie Despentes: Das Leben des Vernon Subutex – Roman

 

Ein radikaler, rauschhafter und großartiger Gesellschaftsroman der französischen Autorin Virginie Despentes

„Das Leben des Vernon Subutex“ ist eine Chronik des stetigen Niedergangs seines Protagonisten. Das Leben des Vernon Subutex ist ein wahnsinniges Buch. Ein wahnsinnig gutes Buch. Zwanzig Jahre lang führte Vernon Subutex in Paris den Plattenladen Revolver (seinen Laden nach einem bedeutenden Beatles-Album zu nennen ist für jeden Musikenthusiasten ein genüssliches Bonmot), bevor er ihn aus wirtschaftlichen Gründen aufgeben musste. Anschließend ist Subutex „zum Spezialisten für Bewerbungen geworden“, gefruchtet haben seine Versuche, wieder in den Arbeitsmarkt zurückzukehren nicht, mit der Konsequenz der Streichung jeglicher staatlicher Unterstützung. Mit knapp 50 Jahren steht Vernon Subutex vor dem Scheiterhaufen seiner Existenz, denn sein letzter Geldgeber, der reiche Schlager-Popstar Alexandre Bleach, der kulanterweise aus alter Freundschaft die letzten Mieten überwies, wird tot aufgefunden.

Subutex fliegt aus seiner Wohnung und schleimt sich mit Halbwahrheiten und Lügen bei Bekannten, meist weiblichen Geschlechts, ein, die ihm zeitweiligen Unterschlupf gewähren. Denn auf eins kann er sich immer noch verlassen, auf seinen Schlag bei Frauen. Aber auch der hilft ihm irgendwann nicht mehr wirklich weiter, der unaufhaltsame Abstieg des Vernon Subutex geht seinen Weg und lässt den Protagonisten auf der Straße enden. Subutex dient für Virginie Despentes als roter Leitfaden für ihren neuen, irren und atemberaubenden, personenbezogenen Episodenroman. Häufig tritt er in den Hintergrund und ermöglicht Despentes den Blick auf eine Vielzahl anderer Figuren, mit deren Gedankenwelten sie die Leser konfrontiert. Manchmal sehr unbequeme und drastische wie die des rechten Drehbuchautors Xavier, die zum Ende des Buches von dem bei H&M angestellten Neonazi Noël überboten werden.

Samstags ist die Hölle los. Alles, was Paris an Lackaffen, Schwuchteln, Kameltreibern, Versagern und Deppen zu bieten hat, den ganzen Dreck, den das jüdische Kapital ihnen andrehen will und der am anderen Ende der Welt von Kindern zusammengepfuscht wird – und die Ärsche zahlen auch noch dafür, das zu tragen. (…) Zweimal am Tag den Saustall mit dem ganzen Abschaum drin abschließen und Gas rein. Das bringt’s. Nur Irre hängen in diesem Loch ab. Guck dir doch die Fotzen an, wie sie sich den ganzen Tag in Nuttenposen vor dem Spiegel spreizen, wie kann man denn bei H&M runkokettieren, wenn man so hässlich ist wie du?

Sounds & Books_Virginie Despentes_Das Leben des Vernon Subutex_Cover9783462048827_10Virginie Despentes war einst Opfer einer Vergewaltigung, arbeitete ein paar Jahre als Prostituierte, ist seit noch mehr Jahren bekennende Lesbe und Feministin, kämpft dabei aber auch um die Enttabuisierung der Pornografie und so verwundert es nicht, dass sie zwei ehemalige Pornostars als Sympathieträger dieses Romans wählt. Die immer noch berühmte Pamela Kant, die ein illustriertes Lehrbuch für Kinder zum Thema Pornografie schreiben möchte, hat es zu einer Respektperson gebracht und ihr Mitbewohner Daniel, einst als Debbie ebenfalls im Pornobusiness bekannt geworden, der viele Metamorphosen in seinem Leben durchlief, das alte Leben in einem neuen Körper hinter sich lassen will und in Pamela verliebt ist, wird von Despentes von geradezu zärtlicher Feinheit skizziert.

Sex und Körperlichkeit sind wichtige inhaltliche Parameter in Das Leben des Vernon Subutex und der transsexuellen Marcia fällt die Rolle des schönsten Menschen dieses Romans zu. Eine Schönheit, der Vernon Subutex nicht widerstehen kann, mit allen positiven wie negativen Konsequenzen. Marcia ist eine dieser zahlreichen Persönlichkeiten, denen wir und Vernon auf seinem Weg in die Gosse begegnen und mit denen uns Despentes den Spiegel unserer Gegenwart vorhält. Fast alle sind sie laut, aufdringlich und poltern in ihrem gedanklichen Kosmos herum, wie der Filmproduzent Laurent („Aber inzwischen gibt es Facebook, und die Generation der Dreißigjährigen besteht aus egozentrischen Psychopathen an der Grenze zur Demenz.“), oder die sexsüchtige, neurotische Journalistin Lydia, die ein Buch über den verstorbenen Schlagersänger Alex Bleach zu schreiben gedenkt, oder die durchgeknallte Furie Sylvie, die sich an Vernon, der sie nach einer kurzen Affäre verließ, auf Facebook und im realen Leben rächt.

Zu Wort kommt auch der Alkoholiker Patrice, Ex-Bassist der Band Nazi Whores, in der Alex Bleach sang, bevor er zum Solo-Star avancierte, ehemaliger marxistischer Hells Angel, der seine falsch verstandene Männlichkeit in Gewaltausbrüchen gegenüber seiner (Ex-)Frau zum Ausdruck bringt und üble Macho-Ansichten über uns ergießt. Virginie Despentes will natürlich provozieren und Tabus brechen, dazu holt sie in Das Leben des Vernon Subutex zum großen Rundumschlag aus, der erstaunlicherweise verdammt gut funktioniert und einen von der ersten Seite an in seinen Bann zieht. An diversen Tiraden muss man schwer schlucken, doch verurteilt Despentes ihre ausgewählten Charaktere nicht, sondern bleibt beobachtende Chronistin mit dem Hang zu obszönen, pornographischen und sarkastischen Passagen, mit denen sie trotzdem eine liebevolle Beziehung zu ihrem Personal entwickelt. Alle wichtigen, zeitgenössischen Themen (Digitalisierung, Islamismus, Aufstieg der Rechten, verunsicherte Mittelschicht, soziale Vereinsamung) weidet sie genussvoll und boshaft aus. Ein Anklage gegen eine sich am Abgrund befindliche Gesellschaft. Das Leben des Vernon Subutex ist ein radikaler, brutaler, kraftvoller und exzessiver Roman, den man gelesen haben sollte.

Virginie Despentes: „Das Leben des Vernon Subutex“, Kiepenheuer & Witsch, aus dem Französischen von Claudia Steinitz, Hardcover, 400 Seiten, 978-3-462-04882-7, 22 €.

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