Tyler, The Creator: Flower Boy – Album Review

Tyler, The Creator: Flower Boy – Album Review

 

Wenn ein Provokateur harmonische Töne anschlägt

Den Leuten nicht egal sein – ein Tipp, der in fast jedem Ratgeber für Künstler auftaucht. Wer Erfolg haben will, muss den Hörern etwas bedeuten und das egal ob positiv oder negativ. Wer provoziert und vielleicht sogar gehasst wird, schweißt seine Fans nur noch enger an sich. Dieses Spiel mit der Aufmerksamkeit beherrscht der Rapper-Produzent „Tyler, the Creator“ beispiellos. Auf seinen bisherigen drei Studioalben sprang er zwischen verschiedenen Rollen hin und her, provozierte, schockierte und beleidigte. Am Ende stand wegen seiner homophoben und sexistischen Äußerungen sogar ein dreijähriges Einreiseverbot in das Vereinigte Königreich.

„Flower Boy“ zeigt nun eine deutlich ruhigere, wohlklingendere Seite von „Tyler, the Creator“. Ist er geläutert? Provoziert er nicht mehr? Nein, Tyler hat andere Wege gefunden, die Knöpfe der Hörer und der Medien zu drücken. Mit den beiden Zeilen „Next line will have ‘em like ‚Whoa’. I’ve been kissing white boys since 2004“ aus „I Ain’t Got Time!“ gibt der 26-jährige Rapper genug Diskussionsstoff für Wochen. Seine Lieder werden auf Hinweise für seine Bi-/Homosexualität durchkämmt und „Tyler, the Creator“ hat es geschafft, ganz ohne Beleidigungen Aufsehen zu erregen.

Das ganze Album aber auf dieses (vermeintliche) Coming-Out zu reduzieren, wird „Flower Boy“ nicht gerecht. Musikalisch ist es das stärkste Werk von „Tyler, the Creator“, in dem er in weiten Teilen eine entspannte, jazzige Atmosphäre aufbaut. Lediglich „Who Dat Boy“ und „I Ain’t Got Time!“ durchbrechen diese harmonische Welt und bringen treibende Klänge. Insgesamt zeichnet „Tyler, the Creator“ so das musikalisch passende Bild zu Eric Whites Albumcover. Die Hörer sitzen in dem kleinen weißen McLaren, der zwischen den grünen Bergen im Sonnenuntergang fährt und lauschen nicht nur dem harmonischsten Tyler, sondern auch dem persönlichsten Tyler. Er rappt über seine Kunst, über Liebe, über Zeit und schockiert weniger. Aber welche seiner persönlichen Gedanken sind wirklich von ihm und wo greift er noch auf Rollen zurück? Das weiß „Tyler, the Creator“ letztlich nur selbst. Egal was wahr ist: „Flower Boy“ fühlt sich ehrlich an.

„Flower Boy“ von Tyler, the Creator ist am 21.07.2017 bei Columbia Records / Sony Music erschienen.

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