Faber: Sei ein Faber im Wind – Album Review

Faber: Sei ein Faber im Wind – Album Review

 

Facettenreiches Debütalbum des Schweizer Songwriters

24? VIER-UND-ZWANZIG? Wer ohne Vorwissen auf Fabers Musik stößt, hört einen Mann, der etwas zu erzählen hat, eine rauchige Stimme, die von einem langen und erlebnisreichen Leben zeugt. Aber große, raue Stimmen sind kein eindeutiges Indiz für das Alter, das hat nicht zuletzt Henning May von AnnenMayKantereit gezeigt. Faber war im letzten Jahr bereits als Vorgruppe mit ihnen unterwegs und sein aktuelles Werk erinnert in manchen Momenten musikalisch tatsächlich an AnnenMayKantereit, aber Faber bietet mehr: Mehr Tiefe, mehr Facetten, mehr Humor, mehr Ecken und Kanten.

Mit seinen ersten beiden EPs und Touren konnte Faber schon vor seinem Debut-Album eine beachtliche Fangemeinde um sich scharen. Eben diese Fans werden zwar auf „Sei ein Faber im Wind“ einige Titel aus bisherigen Veröffentlichungen wiedererkennen – das Album klingt aber keineswegs nach einem zusammengeschusterten Best-Of seiner jungen Karriere. Es gleicht eher einem Konzeptalbum, das erst in der richtigen Reihenfolge seine wirkliche Kraft entfaltet. Faber nimmt die Dynamik und die Struktur eines Konzertes und packt sie auf eine CD, wie es kaum ein Live-Album schafft.

Fast wie eine Oper öffnet „Sei ein Faber im Wind“ mit einer Ouvertüre und stellt Fabers instrumentalen Counterpart vor – die Posaune. Es war ein absoluter Glücksgriff, dass der Zürcher Musiker mit seiner zweiten EP „Abstinenz“ dieses Instrument für sich entdeckt hat. Die Posaune erklingt genauso rau und voller Charakter wie Fabers Stimme und wird so zur zweiten Figur in der „Oper“. Im Rampenlicht bleibt aber Faber, den der Hörer über die folgenden zwölf Stücke zu verstehen versucht.

Nach dem spannungsgeladenen Vorspann werden die Töne sofort locker, sehr locker. Die Mallorcaurlaub-Gedächtniszeile „Zieh dich aus, kleine Maus“ aus dem Stück „Wem du’s heute kannst besorgen“ klingt aus Fabers Mund aber nicht schmuddelig oder platt à la Mickie Krause. Auch im weiteren Album nimmt er ganz selbstverständlich Wörter wie „Blasen“, „Ficken“, „Titten“ und „Arsch“ in den Mund, ohne damit wirklich obszön zu wirken. Ja, in seiner Sprache ist genau dieser Dreck, der auch auf seiner Stimme liegt.

Der lockere Tonfall bleibt kaum zwei Stücke bestehen. Faber schafft es zwischen den schnelleren, ironieschwangeren Stücken auch leisere Töne anzuschlagen und glaubhaft dabei eine ganze Palette an Emotionen rüberzubringen, ob Lust, Verachtung, Sehnsucht oder verletzten Stolz. Immer wenn ich gerade glaubte, ihn verstanden zu haben, wechselte er wieder den Tonfall. So folgt auf den spieluhrhaften, ersten emotionalen Höhepunkt „Lass mich nicht los“ die pathetische Anti-Popgewäsch-Hymne „Sag niemals was du denkst“. Sollen wir Faber also doch gar nicht glauben, was er singt?

Spätestens mit „Wer nicht schwimmen kann, der taucht“ wird klar, dass der Hörer gar nicht direkt nach Faber suchen muss. Faber ist hier kein stringenter Charakter, sondern er spielt Rollen – Rollen wie den konservativ-rechten, verbitterten Schweizer, der den „Schlauchbooten beim Kentern“ zuguckt. Zwischen der ironischen Distanz und den glaubwürdigen Emotionen kann er so ohne viel Pathos auch Gesellschaftskritik einbringen. Faber hat Recht, als er selbstreferentiell-vorausahnend zu Beginn des Albums „‚Wer nicht schwimmen kann, der taucht‘ findest du ein starkes Lied“ singt. Er kann es aber auch gut und gerne umdichten zu „‚Wie ein Faber im Wind‘ findest du ein starkes Album“!

„Sei ein Faber im Wind“ von Faber erscheint am 07.07.2017 bei Vertigo / Capitol / Universal Music.

Kommentar schreiben

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.