Bob Dylan: The 1966 Live Recordings – Album Review

Bob Dylan: The 1966 Live Recordings – Album Review

 

36 CDs für die Ewigkeit

Es ist das ultimative Live-Vermächtnis Bob Dylans. The 1966 Live Recordings versammelt Aufnahmen von 23 Konzerten, die Bob Dylan im Februar, April und Mai 1966 zusammen mit seiner Band The Hawks gab. Die Konzertreise des damals soeben mal 25 Jahre jung werdenden Genies führte durch diverse britische Städte sowie nach Paris, Kopenhagen und Stockholm auf dem europäischen Festland. Drei Gigs aus den Staaten und drei Australien-Shows sind ebenfalls auf der Live-Compilation enthalten. Der Auftritt in Manchester, der jahrelang als Bootleg aus der Royal Albert Hall kursierte und später dann offiziell in Dylans Bootleg Series als „Live 1966 – The ‚Royal Albert Hall‘ Concert“ veröffentlicht worden ist, ging durch seinen berühmten „Judas“-Ruf in die Musikannalen ein und ist hier noch einmal dokumentiert. Der 36 CDs umfassenden Box liegt ein Booklet mit Linernotes von Clinton Heylin bei, der auch ein Buch über die damalige Welttour schrieb.

Nur wenige Aufnahmen sind von minderer Qualität aus dem Publikum aufgenommen, ansonsten sind auf The 1966 Live Recordings gut erhaltene Mischpult- und CBS-Aufzeichnungen zu goutieren. Die Konzerte fanden damals immer nach dem gleichen Muster statt, zunächst trat Dylan solo und anschließend mit Bandbegleitung auf. Der Folk-Sänger wandelt sich auch auf der Bühne zum Rock’n’Roller. Die Setlist ändert sich bis auf wenige Einzelfälle nicht. Gebannt lauscht das Publikum im ersten Konzertteil dem faszinierenden akustischen Vortrag Dylans, der mit den Songs „She Belongs To Me“, „Fourth Time Around“, „Visions Of Johanna“, „It’s All Over Now, Baby Blue“, „Desolation Row“, „Just Like A Woman“ und „Mr. Tambourine Man“ punktet. Die reinen Folk-Fans lassen sich während der Pausen seiner phänomenalen Rock’n’Roll-Darbietung zu unflätigen Kommentaren hinreißen, Dylan kontert, am Ende der Tour in London ziemlich ausgelaugt und wahrscheinlich bekifft, mit spitzen und ironischen Antworten.

Die Zwischenrufe scheinen Dylan im Ärger zu beflügeln. Der urig-holpernde, getriebene, ausgelassene Rock’n’Roll, den er mit Robbie Robertson, Rick Danko, Garth Hudson, Richard Manuel und Mickey Jones (am Anfang der Tour saß Sandy Konikoff am Schlagzeug) spielt, ist aufsehenerregend, markerschütternd und fegt in Sturmstärke durch die Hallen. „Tell Me, Momma“ „I Don’t Believe You“, „Baby, Let Me Follow You Down“, „Just Like Tom Thumb’s Blues“, „Leopard-Skin Pill-Box Hat“, „One Too Many Mornings“, „Ballad Of A Thin Man“ und „Like A Roling Stone“ stehen wie Monolithe im Rock’n’Roll-Universum The 1966 Live Recordings zeigt Bob Dylan in einer seiner intensivsten und kreativsten Phasen. Es sind 36 CDs für die Ewigkeit und wenn mal wieder der Weltraum mit menschlichen Kulturgütern ausgestattet wird, dann gehört diese Box zur nächsten Lieferung. Besseres aus der Welt des Rock’n’Roll gräbt niemand mehr aus.

„The 1966 Live Recordings“ von Bob Dylan ist bei Columbia Records / Sony Music erschienen.

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