Feist: Pleasure – Albumreview

Feist: Pleasure – Albumreview

Der kreative Höhepunkt der kanadischen Musikerin Feist

Vor so ziemlich genau zehn Jahren, mit den Songs „1234“ und „I Feel It All“, beide auf dem Album The Reminder zu finden, hatte Feist ihren Durchbruch. Mit „1234“, der durch diverse Werbeeinsätze auffiel, trat sie gar in der Sesamstraße auf. Metals, ihr letzter, vor sechs Jahren veröffentlichter Longplayer erklomm in Deutschland und den USA die Top-Ten-Charts, im heimatlichen Kanada ging es bis auf Platz 2. Ein erstaunlicher wie erfreulicher Mainstreamerfolg für die Indie-Pop-Musikerin, die mit ihrer betörenden und facettenreichen Stimme, die vom intimen Hauchen bis zum abrupten Kiekser die ganze Palette weiblicher Zauberformeln beherrscht, Aufsehen erregt, aber sicherlich keine obligatorischen Konsenssongs anbietet und lieber mal mit Wilco zusammen musiziert.

Davon ist Feist auf Pleasure schon mal meilenweit entfernt. Weit entfernt vom gefälligen Kuschelpop, aber umso näher an ihrer britischen Kollegin PJ Harvey. Feist scheut die Ecken und Kanten, die Haken und Ösen nicht, durch die sich die Hörer winden und schlängeln dürfen. Pleasure ist das mit Abstand radikalste Werk der 41-Jährigen, ein raues, unbehauenes, unmittelbares, und direktes mithin. Sicherlich gibt es auf Pleasure, Feists nunmehr fünftem Album, auch intime und sanfte Momente. In „Lost Dreams“ gibt es zweifellos solche, doch schlägt diese Zartheit schnell in eine spröde Schroffheit um und lässt verträumte Harmonie nur ansatzweise zu. Die Dissonanz schwingt in fast allen Songs mit, da kann Feist noch so schön singen. Ohne wesentliche Störgeräusche kommt „A Man Is Not His Song“ durch, ein trauriger Blues-Folk-Track, samt Chorgesang. Feist schüttet mit Pleasure ein wahres Füllhorn an fabelhaften Indie-Folk-Pop-Songs über uns aus. Das gespenstisch-lauernde, minimalistische „I Wish I Didn’t Miss You“ beispielsweise.

Oder das zwischen Liebreiz und Verlorenheit changierende „Get Not High, Get Not Low“. „Any Party“ rumpelt und stolpert mutig vorwärts und becirct trotz chaotisch anmutendem Inventar mit einer feinen Melodie. Ganz sachte erwacht der titelgebende Opener „Pleasure“, bevor rabiate E-Gitarren den Fluß unterbrechen und Feist ihre Stimme in dunkelste Tiefen treibt. Zierlich-majestätische Bläser verfeinern „The Wind“ und PJ Harveys Indie-Rock kommt Feist im vergleichsweise brachial-stampfenden „Century“ am nächsten. Auch zum Ende der 53 Minuten reihen sich die Highlights nur so aneinander. Das intime und zutiefst berührende „Baby Be Simple“, das bluesige und mysteriöse „I’m Not Running Away“ und das melancholisch-sehnsüchtige, mit Orgelklängen verzierte  „Young Up“. Mit „Pleasure“ ist Feist auf dem Gipfel ihrer Kreativität angekommen. Ein Album, mit dem sie endgültig den Musik-Olymp neben PJ Harvey und Laura Marling besteigt.

„Pleasure“ von Feist erscheint am 28.04.2017 bei Universal.

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