Callan Wink: Der letzte beste Ort – Stories

Callan Wink: Der letzte beste Ort – Stories

Das Leben oben in Montana

von Gérard Otremba

Ausgerechnet in Montana arbeitet Callan Wink als Fly Fishing Guide auf dem Yellowstone River. Hoch oben also an der Nordwestgrenze zu Kanada, umringt von Idaho, Wyoming, North- und South Dakota. Zwar ist Montana der viertgrößte, gehört aber mit circa einer Million Einwohnern zu den bevölkerungsschwächsten US-Bundesstaaten. In Montana also arbeitet der 1984 geborene Callan Wink seit seinem 19. Lebensjahr. Dort sind auch Winks neun, in Deutsch bei Suhrkamp unter dem Titel Der letzte beste Ort veröffentlichte Stories angesiedelt. In einer Gegend, in der der Großstädter den berühmten Hund begraben wähnt. Mit einem Hund wird der Leser denn auch in der ersten Kurzgeschichte „Hund Lauf Mond“ konfrontiert. Und mit Sid, der den Hund von seinem Besitzer Montana Bob „befreit“ hat. Von ihm und dessen Gehilfe Charlie Chaplin wird er nun in der Nacht verfolgt und als „Nacktschläfer“ blieb Sid nichts anderes übrig, als sich unbekleidet mit dem Hund in die Flucht zu schlagen.

Es ist ein Setting, das sich auch die genialen Coen-Brüder für einen ihrer abstrus-witzigen Filme hätten ausfallen lassen können. Natürlich ist der Witz bei Callan Wink subtil unter der Oberfläche versteckt, denn viel zu lachen gibt es im Leben seiner Protagonisten nicht. Und manchmal schlägt das Schicksal erbarmungslos zu, wie beim 25-jährigen, angehenden Rettungssanitäter Dale, der in der Erzählung „Schneeschmelze“ eine Beziehung mit der einige Jahre älteren Jeannette eingeht, die nur von kurzer Dauer ist. Winks Stories handeln von Enttäuschungen, Sehnsüchten, Hoffnungen und Hoffnungslosigkeiten, von Niederlagen und Menschen, für die der American Dream immer ein American Dream bleiben wird. Es ist das tragisch-komische Leben der Menschen zwischen Yellowstone River und Bighorn River zu Füßen der Rocky Mountains, die Callan Wink mit einem unpathetischen, nüchternen, präzisen und prosaischen Stil auf ganz und gar fabelhafte Weise skizziert.

Trotz der zumeist auf kurze Sätze angelegten Sprache, erzählt Wink mit feinfühliger, poetischer Kraft von den Schicksalsschlägen seiner Hauptfiguren. Vom Teenager Terry, der für zwei Jahre in den Knast muss, und dessen Liebe für seinen Großvater. Von Perry, der beim alljährlichen Reenactment (der Nachstellung der Schlacht am Little Bighorn) sein außereheliches Verhältnis mit Kat erneuert, während seine Frau an Brustkrebs erkrankt ist. Oder vom jungen August, der durch das Auseinanderleben seiner Eltern zerrieben wird. Callan Winks Charakterzeichnungen sind ohne Umschweife auf den Punkt gebracht und zeugen von der rauen und harten Wirklichkeit. Montana und seine Menschen. So weit weg und von Callan Wink doch verdammt nahe gebracht.

Callan Wink: „Der letzte beste Ort“ – Stories, Suhrkamp, Hardcover, aus dem amerikanischen Englisch von Hannes Meyer, 281 Seiten, 978-3-518-42559-6, 22 €.

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