Bruce Springsteen: Born To Run – Die Autobiografie

Bruce Springsteen: Born To Run – Die Autobiografie

Mit 67 Jahren veröffentlicht Bruce Springsteen eine opulente Autobiografie

von Gérard Otremba

Sieben Jahr hat Bruce Springsteen für die Niederschrift seiner Autobiografie Born To Run benötigt. Als Anlass für seine Memoiren diente ihm der Auftritt mit seiner E Street Band beim Super Bowl (dem alljährlichen American Football-Finale der NFL) 2009 in Tampa, Florida. Springsteen und die E Street Band rockten in der Halbzeitpause für vier Songs („Tenth Avenue Freeze-Out“, „Born To Run“, „Working On A Dream“, „Glory Days“) innerhalb von zwölf Minuten (und ein paar Sekunden mehr, Springsteen hat seine Sendezeit leicht überzogen) die Arena und schaut man sich die Aufnahme heute an, hat man in keiner Sekunde das Gefühl, Springsteen sei ein Pausenfüller für ein womöglich wichtigeres Event gewesen. Denn überall, wo Bruce Springsteen auftaucht, ist „Boss-Time“.

Das gilt für all seine Konzerte und das gilt für seine fast 700-seitige Autobiografie Born To Run, die sich liest, wie die Summe von Springsteens besten Songs. Born To Run ist wie eine lange, aber kurzweilige Autofahrt in die offensichtlichen und versteckten Bereiche von Springsteens Leben. Bis er in seiner chronologisch aufgebauten Biographie beim titelgebenden Album von 1975 ankommt, ist knapp die Hälfte des Buches bereits gelesen. Springsteens Vita ist die nach außen personifizierte Erfüllung des American Dream. In kleinbürgerlich-demokratischen Verhältnissen in Freehold, New Jersey, aufgewachsen, von den vielen Frauen in seiner Familie verhätschelt, vom Vater distanziert behandelt, in der Schule ein Außenseiter. Zwei fernsehgeschichtliche Ereignisse befeuerten die Idee, sich als Musiker zu versuchen. Die Auftritte von Elvis Presley 1956, sowie acht Jahre später der von The Beatles in der Ed Sullivan-Show waren die Steine, die für Bruce Springsteen alles ins Rollen brachten.

Dass es ein mühsamer Weg bis on the top war, dass er bis in die frühen 80er noch verschuldet war, dass er in den Spät-60ern und Früh-70ern häufig von Hand in den Mund lebte und mit Mike Appel einen zwar gewieften, aber ausbeuterischen Manager an seiner Seite hatte, davon erzählt Springsteen ausführlich, emotional und fair. Springsteen geht auf alle seine Album-Veröffentlichungen ein, berichtet über langwierige Plattenaufnahmeprozesse, und zeichnet den wichtigsten Aspekt seines Daseins nach, den des unermüdlichen Live-Musikers. Auf der Bühne gibt Bruce bekanntlich alles (jeder, der einmal Zeuge seiner legendären Konzerte war, wird dies bestätigen können), die E Street Band als „familiären“ Beistand im Rücken wissend. Ähnlich intensiv wie seine über drei Stunden dauernden Auftritte ist auch das Lesen der Born To Run-Lektüre. Springsteen, irisch-italiensicher Abstammung, verhehlt seine Schattenseite nicht, sein Kontrollwahn, seine Selbstzweifel, sein harsches Verhalten anderen Menschen gegenüber sowie langjährige Depressionen gehören ebenso zur seiner Person wie das Bild der hart arbeitenden Musikers, der immer wieder soziale Mißstände anprangert und seine Herkunft nicht vergisst.

Neben der Musik stehen Springsteens Familie, seine zu Beginn der 80er erstmals auftretenden Depressionen und sein schwieriges Verhältnis zu seinem Vater Doug im Mittelpunkt von Born To Run. Diese Passagen sind eindrucksvoll und vermitteln spürbar all die Ängste, mit denen sich der 1949 geborene Springsteen seit Jahren herumschlägt. Immer wieder spricht der „Boss“ seine Fans direkt an, vermittelt ihnen das von seinen Konzerten und Alben vertraute „Wir“-Gefühl auch im geschriebenen Wort. Born To Run ist eine „Boss“-würdige Autobiographie, geschrieben von einem der wichtigsten Vertreter des Rock’n’Roll aller Zeiten. Ein siebenjähriger Kraftakt (Springsteen hat das Manuskript in sein Notizbuch niedergeschrieben und immer wieder bearbeitet, ganz ohne Ghostwriter), der wie üblich bei Springsteen ein lohnenswerter war.

Bruce Springsteen: „Born To Run“, Heyne, übersetzt von Teja Schwaner, Daniel Müller, Alexander Wagner und Urban Hofstetter, Hardcover, 672 Seiten, 978-3453-20131-6, 27,99 €.  

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