Gérard bloggt über die Long- und Shortlist-Titel des Deutschen Buchpreises 2016

Gérard bloggt über die Long- und Shortlist-Titel des Deutschen Buchpreises 2016

Die deutschsprachige Gegenwartsliteratur: Besser als einige denken

von Gérard Otremba

Am Montag gegen 19 Uhr wird er nun endlich bekanntgegeben, der Gewinner des Deutschen Buchpreises 2016. Zeit also, ein kleines persönliches Resümee zu ziehen. Immerhin habe ich nun elf der zwanzig Longlist-Titel, darunter alle sechs Bücher von der Shortlist, gelesen und komme definitiv zu einem anderen Urteil, als mein geschätzter Kollege Jochen Kienbaum, den fast alle Werke langweilten, wie er unlängst in seinem, wie ich finde einigermaßen populistischen  Blogbeitrag bei lustauflesen.de zugab (mein lieber Freund Jochen, was ist nur ihn Dich gefahren?). Dieser Einschätzung muss ich doch entschieden widersprechen, befindet sich die deutschsprachige Gegenwartsliteratur nun wahrlich nicht in jenem von Jochen gezeichneten desolaten Zustand. Ganz im Gegenteil.

Von den elf gelesenen Büchern langweilte mich keins, allein der Roman Mein Vater war ein Mann an Land und im Wasser ein Walfisch entpuppte sich als ein echtes Ärgernis. Und hätte sich Gerhard Falkner in Apollokalypse „zu Tode experimentiert“, wie der Kollege Kienbaum behauptet, so wäre mein Urteil nicht annähernd so enthusiastisch ausgefallen, gehen mir experimentelle Romane nämlich schlicht und ergreifen am Allerwertesten vorbei. So viel Experiment war hier also gar nicht, unkonventionell erzählt, gewiss, aber von einem Furor und einer Sprachkraft getrieben, wie kaum ein anderer deutschsprachiger Roman in diesem Jahr. Ähnlich wie die Kritikerkollegin Felicitas von Lovenberg, die in der am Donnerstag ausgestrahlten Sendung lesenswert quartett im Südwestfunk kurz auf dieses Buch einging, vermisste auch ich diesen fabelhaften Debütroman auf der Shortlist.

Ein weiterer meiner Mitfavoriten hat es leider auch nicht auf die Shortlist geschafft, nämlich Am Rand von Hans Platzgumer, ein Roman, so intensiv wie ein Nick Cave-Album, höhere Weihen kann ich kaum mehr vergeben. Ebenfalls als herausragend zu bezeichnen ist Die Verteidigung des Paradieses von Thomas von Steinaecker, stilistisch einwandfrei auch München von Ernst-Wilhelm Händler. Mit der Shortlist-Auswahl kann ich trotzdem sehr gut leben, befindet sich doch dort der aspekte-Literaturpreisträger Philipp Winkler mit Hool (zugegebenermaßen ein vortrefflich streitbares Buch, auch das ein Kriterium eines gut konzipierten Werkes), das die Literaturgemeinde spaltet, aber sicherlich nicht langweilt. Sogar Eva Schmidts Ein langes Jahr konnte ich etwas abgewinnen, obwohl stilistisch nicht mein Fall (viel zu viele kleine Kapitel, zumeist sehr kurze Sätze).

Mit Fremde Seele, dunkler Wald bin ich zum ersten Mal mit der Literatur des österreichischen Schriftstellers Reinhard Kaiser-Mühlecker in Berührung gekommen, ein ganz wunderbarer Erzähler, ähnlich wie Bodo Kirchhoff, der mit seiner Novelle Widerfahrnis ebenfalls auf der Shortlist zu finden ist. In der Einschätzung zu Kirchhoff liegen Jochen und ich nicht mehr ganz so weit auseinander, was mich nun insofern wundert, dass eben Kirchhoffs Sprache gerne mal die Attribute „betulich“ und „Altherrenprosa“ angedichtet werden (Denis Scheck sprach in der oben erwähnten Sendung am Donnerstag gar von „Kitsch“) und die wohl das „Langweilige“ der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur zum Ausdruck bringen sollen. Dabei versteht es Kirchhoff (genauso wie Kaiser-Mühlecker) im klassischen Sinne, eine Geschichte zu erzählen. Und wenn Schriftsteller diesen, ihren Job gut machen, dann langweilt man sich auch nicht bei der Lektüre, völlig unabhängig davon, ob das Interesse an dem Plot vorher geweckt ist, oder nicht (bedrückende, schwermütige Geschichten aus einem österreichischen Dorf interessieren mich zunächst erst mal auch nicht, aber wenn sie in der eleganten Sprache Kaiser-Mühleckers geschrieben sind…).

Die zwei Shortlist-Titel Skizze eins Sommers von André Kubiczek und Die Welt im Rücken von Thomas Melle sind übrigens gestern im Literarischen Quartett besprochen worden. Im Gegensatz zu Maxim Biller (der beide Bücher als Katastrophe abcancelte) sind sich Jochen und ich in unserer positiven Rezeption von Thomas Melles neuem Buch ziemlich einig. Nach wie vor bin ich nicht der Auffassung, dass es sich bei Die Welt im Rücken um einen Roman handelt (wie von Volker Weidermann in der Sendung vehement betont), sondern um einen brutalen autobiographischen Text. Und dass die Herren Weidermann, Biller und Glavinic (der als fahriger Gast auftrat) dem Roman Skizze eines Sommers etwas vorwarfen, was überhaupt kein inhaltlicher Gegenstand ist (Verklärung des Unrechtsstaates DDR), war kein Ruhmesblatt der Literaturkritik (wie die ganze gestrige Sendung eher als Tiefpunkt einer erquicklichen Literaturdiskussion gewertet werden kann).

Im Literarischen Quartett des ZDF scheinen die Egos der beteiligten Kollegen wichtiger zu sein, während im lesenswert quartett, trotz der ebenfalls charakteristischen Köpfe Denis Scheck, Felicitas von Lovenberg, Ijoma Mangold und Insa Wilke, eindeutig die zu besprechenden Bücher im Mittelpunkt stehen. So mein Eindruck der vorgestrigen Sendung, zu der ich leider etwas zu spät einschaltete, der ganze Rummel um den Literaturnobelpreisträger Bob Dylan musste verarbeitet werden. Übrigens darf so eine Literatursendung im Dritten gerne bereits um 22 Uhr und nicht erst um 23.15 Uhr beginnen. Sorry für den kleinen Exkurs, passte aber thematisch.

Also, weit und breit keine Langeweile auf der Long-, respektive Shortlist. Woher aber dann Jochens Unmut über die Auswahl? Bekam ihm die Höhenluft während seiner Alpenüberquerung im Urlaub nicht? Ist es der letzte Hilfeschrei einer untergehenden Berliner Hipster-Avantgarde? War sein Artikel am Ende gar eine „Schmähkritik“? Oder scheiterte Jochen letztendlich an seiner Erwartungshaltung? Denn die divergiert bei uns beiden. Ganz klar bin ich der Meinung, dass experimentelle Literatur sich nur um die Sprache dreht und der Leser dabei auf der Strecke bleibt. Wenn Jochen über den Debütroman Solo für Schneidermann des amerikanischen Autors Joshua Cohen schreibt: „…wird der Leser in einen larmoyanten, zornigen, hasserfüllten und resignierenden Endlosmonolog gezogen“, so liefert er mir gleich ein absolutes Ausschlusskriterium für diesen Roman. Experimentell (als ob das nicht bereits reicht) und zusätzlich noch larmoyant? Da lasse ich lieber gleich die Finger weg und lese Unterleuten von Juli Zeh und Vom Ende der Einsamkeit von Benedict Wells (um an dieser Stelle zwei aktuelle deutschsprachige Titel zu nennen, die leider nicht auf der Longlist auftauchten) ein zweites Mal.

Nein, ihr lieben deutschsprachigen Schriftsteller, schreibt bitte keine experimentellen Romane, die anschließend lediglich an eine auserwählte kleine Schar von an der Wissenschaft interessierten Lesern gerät und die Allgemeinheit außen vor lässt. Schreibt weiter über eure Krankheiten, schreibt weiter über Italien-Fahrten, schreibt weiter über magische Momente des Lebens, schreibt weiter über die Menschen in österreichischen Dörfern, schreibt weiter über Randfiguren unserer Gesellschaft, schreibt weiter über eure Jugendzeit in Potsdam, oder wo auch immer. Schreibt weiter mit Leidenschaft und Emphase, schreibt weiter virtuos und brillant. Erzählt uns weiter gute Geschichten. Und dann ist alles gut. Ich freue mich auf die Bekanntgabe des Gewinners des Deutschen Buchpreises 2016.

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