Staring Girl live in Hamburg – Konzertreview

Staring Girl live in Hamburg – Konzertreview

Hamburger Abend mit Staring Girl, van Kraut und Jenny Apelmo im Knust

Text und Fotos von Gérard Otremba

So vielfältig ist sie dann, die Hamburger Musikszene. Während sich am 01.09.2016 draußen auf dem Lattenplatz vor den Toren des Knust die Rapper das Mikro abwechselnd in die Hand geben und aus dem Stegreif ihre Reime dichten, macht sich im Knust Jenny Apelmo für ihren Auftritt bereit. Sonst als Bassistin bei Torpus & The Art Directors unterwegs, steht die aus Schweden stammende Musikerin diesmal als Frontfrau im Fokus des Geschehens. Man darf sich daran gewöhnen (und das tun wir gerne), dass einzelne  Bandmitglieder von Torpus & The Art Directors mit anderen Projekten beschäftigt sind, veröffentlicht doch Multiinstrumentalist Ove (einst mit den Spielfiguren unterwegs, jetzt einfach nur Ove) Thomsen am 07.10. sein neues Album. Dort mischt sein Bandleader Sönke Torpus fleißig mit und begleitet auch Jenny Apelmo an diesem Abend an Bass und akustischer Gitarre.

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Seine Torpus-Bassistin war ebenfalls nicht untätig und hat im Sommer eine EP mit dem schönen Titel Pretty Confused, Walking Home With No Shoes aufgenommen, deren Songs sie im Knust präsentiert. Es sind zumeist wunderschöne, wehmütige und sehnsüchtige Indie-Folk-Stücke, die vom sanften Gesang Apelmos und ihrem Gitarrenpicking getragen werden. Die in voller Bandbegleitung (es stoßen im Verlauf des Gigs noch die Staring Girl-Mitglieder Robert Weitkamp am Schlagzeug und Jens Fricke an der Gitarre hinzu) gespielten Lieder schimmert der Einfluss von Jenny Apelmos Stammband durch, aber das ist so ganz und gar nicht verkehrt. Schaut mal rein auf ihre Facebook-Seite und beschäftigt euch mal mit der Musik von Jenny Apelmo, es lohnt sich.

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Ein Kontrastprogramm bietet anschließend die Band van Kraut. Mit Songs aus dem, in diesem Magazin bereits vorgestellten Album Strahlen im Gepäck, gibt das Quartett um Sänger und Gitarrist Christoph Kohlhöfer dem  deutschen Indie-Rock wieder einen Sinn und haucht ihm neues Leben ein. Kohlhöfers Stimme schleicht sich immer wieder im geheimnisvollen Tonfall gehalten in die manchmal an Die Sterne („Ich bin so weit“) oder an Gisbert zu Knyphausen und Tocotronic („Abgetragen“) erinnernden Songwriter-Indie-Rock-Songs ein. Diese Lieder haben einfach Stil und Klasse und dann darf das neue Stück „Transitzone“ auch in einem brachialen Gitarren-Schlagzeug-Gewitter enden. Trotz kleinerer technischer Probleme, ein beeindruckender Auftritt.

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Allerspätestens beim letzten Song vor den zwei Zugaben, weiß jeder, wohin die musikalische Reise bei Staring Girl geht. „Jeder geht allein“ ist wahrscheinlich der schönste Song, den Nils Koppruch niemals geschrieben hat. Mindestens jedoch ein Nils Koppruch-Gedächtnissong, der einem wieder einmal schmerzlich bewußt macht, daß der geniale Hamburger Songwriter bereits seit fast vier Jahren nicht mehr unter uns weilt. Der lakonische Flow, der Gesang und das Harpspiel von Frontmann Steffen Nibbe, der Pedal Steel-Einsatz von Gunnar Ennen, alles schreit hier nach Nils. So schön und im Kontext auch so traurig.

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Dem deutschsprachigen Americana-Folk-Rock gibt sich das Hamburger Quintett Staring Girl auch während der restlichen gut 80 Minuten seines Konzertes im Knust voll und ganz hin. Die Referenzen reichen (von Nils Koppruch mal abgesehen) von Gisbert zu Knyphausen und Wolf Maahn über Bright Eyes hin zu Ryan Adams. Das Set aus neuen (ein wohl nächstes Jahr erscheinendes Album ist in Arbeit) und älteren Songs begeistert das Publikum und hält die Vorfreude auf die neue Staring Girl-Platte hoch.

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Zu den Highlights des Staring Girl-Konzertes (ohne die anderen Lieder in irgendeiner Weise abwerten zu wollen)  gehören die traumhaft schönen Stücke „Cornflakes mit Milch“ und „Die guten Gedanken“, das rockige und doch von melancholischer Sehnsucht durchzogene „Bilder an der Wand“, der Country-Rock’n’Roll von „Viertel vor Nichts“ sowie die letzte Zugabe „Schwarz zu weiß“. Ein Song, der das Potential zur Bandhymne hat. So hoffen wir, daß Steffen Nibbe, Gunnar Ennen (Gitarre, Tasteninstrumente), Jens Fricke (Gitarre), Frenzy Suhr (Bass) und Schlagzeuger Robert Weitkamp (der übrigens auch bei Ove, s.o., mitmacht) so schnell wie möglich das neue Album fertigstellen, um bald wieder über Staring Girl berichten zu können.

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