Gérard bloggt über die Olympischen Spiele in Rio 2016

Gérard bloggt über die Olympischen Spiele in Rio 2016

Olympische Momente, Folge 3

von Gérard Otremba

Meinen Rekord im Olympiadauerfernsehgucken habe ich dieses Jahr nicht geknackt. Der liegt allerdings bei circa 250 Stunden und datiert aus dem Jahre 2000. Ein Uraltrekord sozusagen und ich werde ja nicht jünger (ganz davon abgesehen, dass die eigenen sportlichen Ambitionen Vorrang besitzen und da ist dann nix mit Olympiagucken um 4 Uhr in der Nacht). Damals, die Millenniums-Spiele 2000 in Sydney, die vielleicht schönsten Olympischen Sommerspiele, die ich verfolgte, Flair und Atmosphäre ähnlich begeisternd wie bei den unvergesslichen Winterspielen 1994 in Lillehammer. Da konnten die Olympischen Spiele in Rio 2016 nicht wirklich mithalten.

Was auch an dem teilweise erschreckend nationalistisch-chauvinistischen Verhalten der brasilianischen Zuschauer lag. Die Sportler der eigenen Nation anfeuern ist okay, die Teilnehmer anderer Länder auszubuhen, eine absolute no go-area, die jedem sportlichen Fair-Play-Gedanken mit Füßen tritt. Was im Leichtathletik-Stadion mit dem französischen Stabhochspringer Renaud Lavillenie, den deutschen Fußball-Teams auf dem Weg in die Endspiele, oder aber auch dem argentinischen Tennisprofi Juan Martin del Potro während seiner Halbfinalpartie gegen den Spanier Rafael Nadal entgegenschlug, ist nur mit den Wörtern Hohn und Hass zu beschreiben. Wahrscheinlich aber auch ein Ausdruck des sich weltweit ausbreitenden, überbordenden nationalen Denkens, was  die Sache nicht besser macht, ganz im Gegenteil. Das möchte ich in vier Jahren in Tokio nicht noch einmal erleben, sonst muss ich ernsthaft über einen Boykott der Spiele nachdenken. Vielleicht sollte man für die Olympiasieger nur noch die Olympische Hymne abspielen, vielleicht dämmt das die nationalen Gefühle bei Olympia. Medaillen zählen dürfen die Länder ja trotzdem.

Wie üblich gab es im Team Germany Höhen und Tiefen, das ist ganz normal. Herausragend die Goldmedaille des Beachvolleyball-Duos Laura Ludwig und Kira Walkenhorst. Die Hamburger Schmetterlinge zeigten ein brillantes Beachvolleyballspiel, verloren überhaupt nur einen Satz im gesamten Turnier und ließen auch den beiden brasilianischen Top-Teams im Halb- und Finale keine Chance. Das hat wahrlich Spaß gemacht. Ähnlich wie das Fußball-Endspiel der Damen. Wer hätte das nach dem erschreckend schwachen Auftreten im zweiten Vorrundenspiel gegen Australien gedacht? Vorgeführt und ein ums andere Mal in der Abwehr schwindelig gespielt worden sind die Mädels von den pfeilschnellen Spielerinnen aus Down Under, das 2:2-Unentschieden mehr als glücklich für das deutsche Team. Aber Deutschland ist bekanntlich eine „Turniermannschaft“, das gilt auch für die Damen und so krönte Silvia Neid ihre außergewöhnliche Trainerkarriere mit dem einzig noch fehlenden Titel, dem Olympiasieg. Super gemacht, herzlichen Glückwunsch.

Dass die Herren im Endspiel gegen Brasilien im Elfmeterschießen verloren haben, ist natürlich Pech, lindert aber Brasiliens Schmach der 1:7-Niederlage bei der WM 2014, an der die brasilianischen Fußballfans wohl immer noch zu knabbern haben. Dass die deutschen Handballer ihr Europameisterschaftsmärchen vom Januar mit der Bronzemedaille bei Olympia „vergoldeten“ ist doch eine runde Sache. Es ist zwar bitter, den entscheidenden Gegentreffer im Halbfinale in der letzten Sekunde zu kassieren, allerdings stand vor der beeindruckenden Aufholjagd auch die bis dato schwächste Turnierleistung zu Buche, die den 7-Tore-Rückstand gegen Frankreich erst ermöglichte. Insofern ist Bronze voll okay. Auf die Hockey-Teams (beide Bronze) war wie immer Verlaß, die Schwimmer tauchten mal wieder ab (bis auf ganz wenige Ausnahmen) und die Leichtathleten haben auch schon mal bessere Zeiten erlebt, trotz Gold im Diskus- und Speerwurf der Herren (Thomas Röhler als erster deutscher Speerwurfolympiasieger seit Klaus Wolfermann 1972).

Aber es tut sich was bei den Läufern und Werfern, neue Gesichter wie Lisa Mayer und Gina Lückenkemper im Sprint und Konstanze Klosterhalfen auf der Mittelstrecke besitzen genügend Potential, um in Tokio die Endläufe zu erreichen. Und Gesa Felicitas Krause ist auch erst 24 Jahre jung. Da geht noch was. Die Kanuten um Canadier-Doppelolympiasieger Sebastian Brendel erwiesen sich als bärenstark, Schützen und Reiter ebenfalls. Und Vorzeigeturner Fabian Hambüchen komplettiert nach Bronze in Peking, Silber in London mit Gold in Rio am Reck seine eindrucksvolle Karriere. Ein besonderer Olympia-Moment. Bei Olympia läßt es sich schön am Heldenstatus arbeiten. Michael Phelps hat jetzt 23 Goldmedaillen gesammelt und Usain Bolt schaffte das von mir zuletzt prognostizierte Triple-Triple, neun Goldmedaillen bei neun Starts in Peking, London und Rio. Ein Wahnsinn und eine Leistung, die es zunächst einmal zu respektieren gilt. Vielleicht decken neue Doping-Analysen in einigen Jahren ein Vergehen auf, vielleicht waren die Superstars clean, vielleicht kennen sie leistungssteigernde Mittelchen, die nie nachgewiesen werden können, wer weiß?

Und was gab es noch? Deutschland schickte mit den Hahner-Sisters Anna und Lisa Zwillinge an den Marathonstart, Estland gar Drillinge (Leila, Liina und Lily Luik), entzückend. Der chinesische Wasserspringer Ki Qin macht seiner Wassersprungkollegin He Zi nach deren Siegerehrung einen Heiratsantrag und He Zi hat genickt, wie süß. So ganz und gar nicht schön war der böse Sturz der niederländischen Radfahrerin Annemiek van Vleuten. Ich dachte wirklich, sie sei tot, so leblos lag sie plötzlich da. Ein heftiger Olympiaschockmoment. Ich wünsche Annemiek van Vleuten schnelle Genesung. Vielleicht ist in Tokio noch einmal ein Start bei Olympia möglich, dann bitte ohne Horror-Sturz. Ich werde berichten, aus Tokio, vor dem Fernseher.

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