Gérard bloggt über Olympia 2016 in Rio

Gérard bloggt über Olympia 2016 in Rio

Olympische Momente, Folge 2

von Gérard Otremba

Da hatte ich noch einmal Glück. Nach dem dritten Wettkampftag bei den Olympischen Spielen 2016 in Rio ohne Medaille für das deutsche Team (der  schlechteste Auftakt einer deutschen Olympiamannschaft seit der Vereinigung) wollte ich mich bereits selbst nachnominieren. In welcher Disziplin wäre egal gewesen, mein Karma und mein Spirit hätten zweifellos alle mitgerissen (besonders die Schwimmer, bis auf ganz wenige Ausnahmen, hätten so einen übermenschlichen Motivator wie mich dringend nötig gehabt). Aber Dank der Vielseitigkeitsreiter und Sportschützen konnte ich wieder meine Füße hochlegen und mich den Fernsehübertragungen bei ARD und  ZDF hingeben.

Dauerfernsehrekorde wie früher fallen bekanntlich durch die Nachtübertragungen aus, die Arbeit für Sounds & Books geht vor, der Schlaf für meine Alsterlauf-Vorbereitung wird benötigt. Das war früher durchaus anders. Von den Nachtübertragungen aus LA 1984 berichtete ich schon, auch 1988 während der Spiele in Seoul saß ich öfter vor dem Fernseher als auf der Schulbank. 13. Klasse, kurz vor dem Abi konnte ich mir das als unterdurchschnittlicher Schüler locker leisten und toppte die knapp 150 Stunden von LA um einige weitere (legendär der Dopingfall Ben Johnson und die Disqualifikation von Zehnkämpfer Jürgen Hingsen nach drei Fehlstarts über die 100 Meter, der ersten Übung des Decathlons, die sechs Goldmedaillen für DDR-Schwimmerin Kristin Otto und natürlich der Tennistriumph von Steffi Graf).

Meinen Buchhandels-Azubi-Urlaub 1992 legte ich auf die zwei Wochen Olympia in Barcelona, leider erwischte mich ein heftiger grippaler Infekt, so dass ich in der ersten Woche viele Entscheidungen nur reichlich verschwommen vernahm. Der Wahninnserfolg von Dieter Baumann über die 5000 Meter bleibt in Erinnerung, Franziska van Almsicks sensationeller und doch auch ärgerlicher Fast-Olympiasieg als 14-Jährige, die auf Sand nicht für möglich gehaltene Goldmedaille für die Tenniszweckgemeinschaft Boris Becker/Michael Stich und natürlich die Wahnsinnsspiele des einzig wahren Basketball-Dream-Teams der USA um Michael „Air“ Jordan, „Magic“ Johnson und Larry Bird.

1996 in Atlanta zog ich nach Frankfurt und begann mit meinem neuen Job in einem großen Buchkaufhaus an der Hauptwache, da blieb nicht annähernd so viel Zeit für Olympia wie erhofft. Aber Zehnkampfsilbermedaillengewinner Frank Busemann legte ein überaus sympathisches Auftreten an den Tag. Mehrkampf ist ein gutes Stichwort, hinterließ doch die deutsche Siebenkämpferin Carolin Schäfer einen ungemein lockeren, konzentrierten und starken Eindruck, der mit einem ausgezeichneten fünften Platz beim Siebenkampf in Rio belohnt wurde. Es muss ja nicht immer die persönliche Bestleistung sein, aber zumindest in die Nähe einer solchen sollten sich Sportler beim Höhepunkt ihrer Karriere, der nur alle vier Jahre erfolgt, bewegen. Diese Wettkampfhärte, dieser unbedingte Wille, die Entschlossenheit, die Größen wie Michael Phelps (der seine sage und schreibe 23. Goldmedaille bei Olympischen Spielen gewonnen hat) oder Katy Ledecky auszeichnet, fehlt dem deutschen Schwimmteam seit ein paar Jahren total (bis auf wenige Ausnahmen).

Da fehlt einer wie der Robert Harting, der sich zwar verletzungsgehandicapt nicht für das Diskusfinale qualifizieren konnte, aber seit Jahren auf einem konstant hohen Niveau Leistung abliefert. Und wenn der mal nicht kann, dann springt der jüngere Bruder Christoph in die Bresche, der seine Chance eindrucksvoll mit persönlicher Bestleistung im letzten von sechs Versuchen nutzte, Gold gewann und zum ersten deutschen Leichtathletik-Helden von Rio 2016 avancierte. Sein unkonventionelles Veerhalten auf dem Siegertreppchen beim Abspielen der Hymne fand ich persönlich eher belustigend, den Glückwunsch meines ZDF-Kollegen Norbert König abzulehnen war weniger klug. Die überraschende Bronzemedaille für Daniel Jasinski in der selben Sportart sollte man aber nicht vergessen zu erwähnen.

Keine Überraschung war der zweite Platz von Angelique Kerber beim Tennis, auch wenn sich die Australien-Open-Gewinnerin und Wimbledon-Finalistin dieses Jahres im Finale gegen Monica Puig aus Puerto Rico  sicherlich mehr erhofft hatte. Doch gegen die phasenweise wie aus einem Guss spielende 22-Jährige aus dem karibischen Inselstaat war kein Kraut gewachsen. Puig machte das bisherige Match ihres Lebens, überzeugte durch präzise und knallharte Grundlinienschläge sowie einer intelligenten Spielführung. Kerber war gar nicht schlecht drauf, gab alles, kämpfte, rannte, doch während Puigs Bälle immer die Linie kratzten, oder kurz davor aufsprangen, gingen Kerbers Schläge in den entscheidenden Passagen ins Aus. Silber gewonnen, nicht Gold verloren. Aber das ist eben Olympia. Diese heroischen Momente, wenn scheinbare Außenseiter (Puig ist in der Weltrangliste auf Position 34 geführt, Kerber auf 2) über sich hinauswachsen und alle mitreißen. Ein historischer Augenblick auch für ihr Heimatland, war es doch die erste Goldmedaille für Puerto Rico bei Olympischen Spielen überhaupt.

Und das gefällt mir mindestens genauso wie die erste olympische Goldmedaille überhaupt für Vietnam (im Schießen) und für Fidschi (okay im Herren-Rugby, aber das hat auf den Inseln einen Stellenwert wie bei uns Fußball). Die beiden Goldmedaillen der Doppelvierer und die Silbermedaille das Achters sind klasse, sollten aber nicht über das ansonsten enttäuschende Abschneiden der restlichen Ruderer, die sich allesamt nicht für die Finals qualifizieren konnten, hinwegtäuschen. Das sah schon mal besser aus in einer der ästhetisch wertvollsten Sportarten bei Olympia. Die Kanuten dürfen das in der zweiten Woche von Rio 2016 besser machen. So wie die Vielseitigkeitsreiter um Michael Jung und die Schützen, die drei goldene Medaillen für sich verbuchen konnten, es bereits getan haben.

Die Ruderwettbewerbe zu verfolgen macht immer super viel Spaß, aber noch genialer ist Bogenschießen. Anmut, Kraft und Konzentration in der perfekten Verbindung. Hier wird Sport endgültig zur großen Kunst, zur großen Poesie (was bei Olympia für einige Sportarten gilt). Und dann gewinnt doch tatsächlich die Berlinerin Lisa Unruh sensationell die Silbermedaille. Mein persönliches Highlight der ersten Olympia-Woche. Und das Hamburger Beachvolleyball-Duo Laura Ludwig/Kira Walkenhorst hat das Halbfinale erreicht, was noch nie einem deutschen Damen-Duo gelang. Und die Mädels sind gut drauf, die rocken das Ding. Genauso wie Usain Bolt letzte Nacht, dem der nächste Eintrag in die Sportgeschichtsbücher gelang. Als erster dreimal hintereinander Olympiasieger im 100-Meter-Lauf. Und wer soll ihn über die 200 Meter schlagen? Wohl niemand.  Und dann müssen seine drei Mannschaftskollegen „nur“ noch den Staffelstab irgendwie unfallfrei bis zu ihm tragen und der Superstar aus Jamaica hätte das Triple-Triple (drei goldene olympische Medaillen in Peking, London und Rio) in der Tasche. Das wird der Hammer.

Das war auch das Viertelfinalspiel der deutschen Hockey-Mannschaft gegen Neuseeland. Dankenswerterweise schlief ich tief und fest und schonte meine Nerven, während die Hockey-Herren bis 4:37 Minuten vor Schluß mit 0:2 in Rückstand lagen, durch eine Strafecke den Anschluß schafften, 40 Sekunden vor Ende durch ein erneutes Strafeckentor den Ausgleich und knapp zwei Sekunden vor der Schlußsirene sogar den 3:2-Siegtreffer erzielten. Drama, Baby! Der absolute Irrsinn. Irrsinnig gut auch die Leistung des Tischtennis-Damenteams, das in einem sagenhaften Vier-Stunden-Match reichlich überraschend Japan mit 3:2 niederrang und ins Finale einzog. Können und Nervenstärke, sehr gut gemacht, die Damen. Leider wird der Fair-Play-Gedanke (ich meine damit nicht das Doping) manchmal mit Füßen getreten, wie im Fall des verweigerten Handschlags eines ägyptischen Judokas gegenüber seinem israelischen Kontrahenten. Eine Disziplinlosigkeit, die vom IOC mit einer lebenslangen Olympia-Sperre geahndet werden muss. Fortsetzung folgt…

 

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