Gérard bloggt über die Olympischen Spiele 2016 in Rio

Gérard bloggt über die Olympischen Spiele 2016 in Rio

Olympische Momente

von Gérard Otremba

Von frühester Kindheit an bin ich von den Olympischen Spielen fasziniert. Leidlich schemenhaft sind meine Erinnerungen an Montreal 1976. Ich war sieben Jahre jung, wohnte in Polen und in unserer Zweizimmer-Wohnung, die wir mit sechs Leuten okkupierten, hatte ein kleiner Schwarz-Weiß-Fernseher seinen Platz gefunden. Natürlich saß ich nicht stundenlang vor dem Gerät, sondern schnappte lediglich einige wenige Bilder auf. Doch der Olympiasieg der polnischen Volleyball-Herren sowie der Doppelsieg des kubanischen Leichtathleten Alberto Juantorena über 400 und 800 Meter blieben hängen. 1980 dann die Boykott-Spiele von Moskau, so ganz ohne die Beteiligung der Sportler der westlichen Hemisphäre sank mein Interesse erheblich, bis auf eine tägliche Zusammenfassung blieb der Fernseher aus.

Der Gegenboykott des fast kompletten Ostblocks vier Jahre später in Los Angeles verhinderte heiße deutsch-deutsche Duelle, aber egal. Ich hatte Ferien und schlug mir die Nächte so gut wie möglich um die Ohren. Circa 145 Stunden verbrachte ich vor dem Fernseher, ich habe keine davon bereut. Die Auftritte von Schwimm-Legende Michael Groß waren die emotional aufregendsten meines damals 15-jährigen Lebens. Zwei Goldmedaillen (etwas überraschend über 100 Meter Schmetterling, favorisiert über 200 Meter Freistil, jeweils in Weltrekordzeit) und zwei tragische, weil knappe, bzw. nicht einkalkulierte Niederlagen. Über die 200 Meter Schmetterling galt der damals 20-jährige Groß praktisch als unschlagbar. Und bis kurz vor Schluss führte der Offenbacher das Feld an, bevor die Kräfte schwanden und ein bis dato unbekannter und hernach in der Bedeutungslosigkeit verschwundener Australier namens Jon Siben an ihm vorbeizog und in Weltrekordzeit vor Michael Groß als Erster anschlug. Da halfen auch Jörg Wontorras berühmte Worte „Flieg, Albatros, flieg!“ nicht mehr.

Stand ich bei dieser Übertragung schon völlig unter Strom, kostete mich die 4×200 Meter-Freistilstaffel der Herren Nerven ohne Ende. Die Staffel der USA hatte sich einen Vorsprung von einer Länge erkämpft, als Michael Groß als letzter der deutschen Staffel ins Becken sprang. Innerhalb von 50 Metern schwamm Groß die Lücke zu, ging in Führung, konnte sich aber von seinem Kontrahenten Lawrence Hayes nicht entscheidend absetzen. Der US-Boy blieb dran, rückte auf der Schlussbahn Zentimeter um Zentimeter ran und erreichte das Ziel zeitgleich mit Michael Groß. dachte ich jedenfalls, mit dem bloßen Auge war kein Abstand sichtbar. Es waren letztendlich vier lächerliche Hundertstel (7:15,69 zu 7:15,73, Zeiten, die sich bei mir auf ewig im Gehirn einbrannten, da muus ich nichts nachschlagen), die der deutschen Staffel zu Gold fehlten. Ich war völlig bedient, nachts gegen drei Uhr, im warmen Wormser Sommer anno 1984 mindestens so durchgeschwitzt wie heute nach meinem 12-Kilometer-Dauerlauf.

Meine jugendliche emotionale Begeisterung hat sich in der Zwischenzeit etwas gelegt, doch verfolge ich die Olympischen Spiele noch immer mit großem Interesse. Innerhalb von zwei Wochen fast alle Sportarten verfolgen zu können, geile Sache. Und wann bekommt man schon mal Bogenschießen zu sehen? Alle vier Jahre bei Olympia. In den Übertragungen zwar noch zu selten, aber immerhin gönnt man dieser Randsportart ein paar Sendeminuten. Und neben Schwimmen, Leichtathletik  und den Ballsportarten natürlich Rudern und Kanu, Turnen und Rhythmische Sportgymnastik, Wasserspringen und Badminton, Tischtennis, Golf und Moderner Fünfkampf. Weil ein amerikanischer Sender die Übertragungszeiten diktiert, finden die Schwimmfinals (und fast alle Leichtathletikentscheidungen) erst ab 22 Uhr Ortszeit, also ab 3 Uhr MESZ statt. Da ich mich zur Zeit selbst auf einen Wettkampf vorbereite (dem Alsterlauf, gleichzeitig die Deutsche Meisterschaft im 10-KM-Straßenlauf), fallen die Nachtsessions für mich dieses Jahr aus. Und einige Alben und Bücher darf und muss ich auch noch besprechen.

Aber das ist okay. Dabei sein ist alles, es müssen nicht jeden Tag vierzehn Stunden vor dem Fernseher sein. Die ersten bemerkenswerten olympischen Momente bietet bereits der erste Wettkampftag in Rio 2016. Da schwimmt Jacob Heidtmann im Vorlauf über 400 m Lagen neuen deutschen Rekord, qualifiziert sich für das Finale und wird wegen eines Beinschlagfehlers disqualifiziert. Wenn Wettkampfrichter zu genau hinschauen. Schlimmer erwischte es den Turner Andreas Toba, der sich während der heutigen Qualifikation bei seiner Bodenübung einen Kreuzbandriss zuzog und um seiner Mannschaft zu helfen, noch am Pauschenpferd antrat. Tränenüberströmt. Einen bösen Unfall erlitt auch ein französischer Turner beim Sprung, das sah wirklich verheerend aus. Die Tragik, das Leid auf der einen Seite, die Freude, dabei sein zu dürfen auf der anderen. Unter der Flagge der Olympischen Spiele startete für das Flüchtlingsteam die in Berlin lebende 18-jährige syrische Schwimmerin Yusra Mardini und gewann ihren Vorlauf der sogenannten Exoten.

Und da gibt es noch die 40-jährige nigerianische, in Hamburg lebende und für den SC Poppenbüttel in der Regionalliga spielende Tischtennisspielerin Funke Oshonaike, die in der ersten Ausscheidungsrunde mit 4:3 Sätzen gegen ihre 38-jährige libanesische Gegnerin gewann. Das ist Olympia. Ja, es ist leider auch Doping und der IOC, aber das führt jetzt hier zu weit. Einmal bei Olympia starten war mein großer Traum. Als Amateur-Marathonläufer wird das nichts mehr, egal für welches Land. Aber die Leidenschaft für das völkerverständigende, friedliche Sportevent schlägt noch immer. Auch ohne Nachtübertragungen. To be continued…

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