Gérard bloggt über die Fußball-EM 2016 in Frankreich

Gérard bloggt über die Fußball-EM 2016 in Frankreich

Früher fielen mehr Tore

von Gérard Otremba (Beitragsbild: EM-Logo UEFA)

Und immer wieder diese Frage nach dem „verdient“. Irgendwie hat es jeder „verdient“, der am Ende ganz oben steht. Nach dem „wie“ fragen in einigen Jahren nur die wenigsten. Häufig verwechselt man natürlich in der Historie den schönsten mit dem erfolgreichsten Fußball. Wir gönnen selbstverständlich der Mannschaft mit dem attraktivsten Spiel, die ein Offensivfeuerwerk abbrennt, den Titel wesentlich mehr, als jener, die das Spiel durch eine betont defensive und manchmal auch destruktive Weise verhindert. Gewänne jedoch immer nur der Zelebration des Fußballs Titel, so wären die Italiener nie Weltmeister geworden. Eine alte Weisheit besagt: „Mit einer guten Offensive gewinnt man Spiele, mit einer starken Defensive holt man Titel“. Und bis auf die drei Gegentore in der letzten Vorrundenpartie gegen Ungarn ging dieses Konzept für die Portugiesen bei der Fußball-Europameisterschaft 2016 in Frankreich voll auf. Sicher, die Begegnungen mit portugiesischer Beteiligung gehörten zu den langweiligsten einer sowieso von zu großer Taktik geprägten Europameisterschaft.

Womit wir beim inakzeptablen Modus wären. Mit der Erhöhung des Teilnehmerfeldes von 16 auf 24 Mannschaften hat die UEFA ein klassisches Eigentor geschossen, wird es aber wahrscheinlich und leider auf längere Sicht nicht verstehen. Dass Portugal mit drei Unentschieden überhaupt die nächste Runde erreichte und erst im Halbfinale sein erstes Spiel nach 90 Minuten gewann und noch den EM-Titel holte geht als Treppenwitz in die der Fußballgeschichte ein. Das erinnert verdächtig an den WM-Erfolg Italiens 1982, als die Azzurri ebenfalls mit drei mickrigen, völlig indiskutablen Unentschieden ins Turnier starteten. Damals gab es allerdings noch keine drei Punkte für einen Sieg. Diese Regelung ist erfunden worden, um die Bemühungen des Toreschießens und etwaigen Siegen zu belohnen. Greift leider bei einer EM-Vorrunde, bei der vier Gruppendritte ins Achtelfinale einziehen dürfen, so gar nicht, denn immerhin gewannen die sonst so grottenschlechten Türken und die eher biederen Albaner ihre jeweils letzten Spiel der Gruppenphase und mussten trotzdem die Heimfahrt antreten, während Portugal…, aber die Geschichte ist zur Genüge bekannt.

Eine Reduzierung auf 16 Mannschaften macht absolut wieder Sinn. Denn seien wir doch ehrlich, das Fazit der EM kann nur lauten: Zu viele Spiele, zu wenige Tore, zu viel Taktik, zu wenig Spielfreude. Und kein Mensch weiß, nach welchem System die Gruppendritten den Gruppenersten zugelost worden sind und im Achtelfinale jetzt ausgerechnet Deutschland gegen die Slowakei antreten musste. Setzen UEFA,  Note sechs. Es ist zwar schön, dass gleich fünf von sechs EM-Neulingen die Vorrunde überstanden, doch bis auf die überraschend starken Waliser hoben die Nordiren, Slowaken, Ungarn und auch Isländer das spielerische Niveau der Europameisterschaft nicht wirklich an. Den Isländern gehören die Sympathien doch nur, weil sie die seit Jahren an maßloser Selbstüberschätzung leidenden Engländer durch eine bravouröse Leistung bereits im Achtelfinale aus dem Turnier warfen. In der Vorrunde hatten die Isländer Glück, in der Gruppe F mitkicken zu dürfen, wo sich Österreich (Geheimfavorit?) blamierte, Portugal rumgurkte und Ungarn über seine Verhältnisse lebte. Dass ausgerechnet der Drittplatzierte dieser Not gegen Elend-Gruppe Europameister geworden ist sagt schon sehr viel über die 15. Fußball-EM aus. Meine Relativierung soll den starken Eindruck der Isländer nicht schmälern, aber es wird eine Ausnahme bleiben, die 2:5-Klatsche im Viertelfinale gegen Frankreich holte die toughen Insel-Jungs sowieso schon wieder auf den Boden der Tatsachen zurück.

Die Qualität des Fußballs war bei der Euro2016 so prickelnd nicht, davon kann auch die deutsche Nationalmannschaft ein Lied singen. Die Zielstrebigkeit und Konsequenz des WM-Triumphes von 2014 fehlte Joachim Löws Team und wenn es nicht wie bei einer Weltmeisterschaft „müllert“ und der Müller Thomas das gegnerische Tor nicht trifft, reicht es eben trotz ansehnlichen Spiels gegen den cleveren Gastgeber Frankreich im Halbfinale nicht  für das Weiterkommen. Ja, es gab Verletzte und Gesperrte (Gomez, Khedira Hummels), doch zeichnete sich das Dilemma bereits in den letzten beiden Jahren seit der WM in Brasilien ab, als Deutschland erst am letzte Spieltag die Qualifikation für die EM gelang, es insgesamt sieben Niederlagen in diesem Zeitraum zu verzeichnen gab, die Abwehr häufig instabil wirke und die Chancenverwertung mehr als zu wünschen übrig ließ. Ein gewisser generationsbedingter und sich  nach dem Rücktritt der Führungskräfte Lahm, Klose und Mertesacker anbietender Umbruch fand ebenfalls nicht wirklich statt. Lukas Podolski als Pausenclown und einen ewig verletzten, zwar dann gesunden, aber eben nicht fitten Bastian Schweinsteiger zu nominieren (Erfahrung hin oder her) war eine nicht nachvollziehbare Trainer-Entscheidung.

Schweinsteiger im Halbfinale in die Anfangself zu stellen, die Hierarchie im Mittelfeld zu ändern und Müller ins Sturmzentrum zu rücken eine ebenso unglückliche Maßnahme wie 2012 Toni Kroos als Bewacher Andrea Pirlos aufzustellen. Hier fehlt mir manchmal der Mut zur eigenen Courage. Wozu fahren denn die jungen Wilden wie Weigl und Sané mit? Und zukünftig, liebe Trainer der Welt, baut wieder klassische Stürmer auf. Die Diskussion über die „falsche 9“ ist doch absurd, das Spiel der Spanier ohne Stürmer war schon in deren Hochphase meistens langatmig und hat sich nun selbst überholt. Wo sind sie denn alle hin, die Mittelstürmer, Rechts- und Linksaußen? Ein begnadeter Stürmer und Torjäger ist zweifellos Christiano Ronaldo und zwei genuine Auftritte (beim 3:3 in der Vorrunde gegen Ungarn sowie beim 2:0 beim Halbfinalsieg über Wales) reichten „CR7“, um seine Mannschaft im Turnier zu halten. Dass ausgerechnet  Portugals Superstar nach Payets Foul im Finale nach 25 Minuten tränenüberströmt ausgewechselt werden musste und keine Akzente mehr setzen konnte ist die große Tragik eines mittelmäßigen, aber stets spannenden Finals. Immerhin konnte sich Ronaldo mit dem EM-Pokal trösten.

Verdient? Jein. Aber schöneren Fußball hätten die Portugiesen schon spielen können. Oder müssen wir schon froh sein, dass Trainer Fernando Santos nicht wie einst Otto Rehhagel bei seinem Sensation-Coup mit den Griechen 2004 den Libero reanimierte? Doch so überraschend kommt Portugals Erfolg dann auch wieder nicht, standen die Fußballer des Landes von der iberischen Halbinsel in den Jahren 2000, 2008 und 2012 bereits im Halbfinale und unterlagen 2004 erst im Finale. Außerdem bezwangen die Portugiesen ihren Frankreich-Fluch, genauso wie Frankreich den Deutschlands, Deutschland den Italiens und Italien den Spaniens. So hatte doch irgendwie jeder sein Erfolgserlebnis bei der Fußball-Europameisterschaft 2016 in Frankreich.

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