Warum ich lese

Warum ich lese

Über die Sucht nach Wörtern

von Gérard Otremba (Foto: Privat)

Der Kollege Sandro Abbate vom Blog Novelero will wissen, warum ich lese. Via Facebook gab er die Frage  an andere weiter und beantwortete sie für sich selbst in einem Blogbeitrag. So versuche nun auch ich mit diesem Artikel jene Frage für mich zu beantworten. Längst ist das Lesen von Romanen und gelegentlich Sachbüchern zu einer alltäglichen Selbstverständlichkeit für mich geworden. So selbstverständlich, dass es mir leicht fällt zu sagen, ich bin süchtig nach dem geschriebenen Wort. Mehrere Tage hintereinander kein Buch zu lesen, ist nicht vorstellbar, dieser Zustand käme einem Cold Turkey gleich und wer will schon freiwillig leiden?

Immerhin nimmt die Sucht bei mir nicht abnorme Verhältnisse an, es geht mir nicht um Jahresrekorde an gelesenen Büchern, die Marke von 100 und mehr gelesenen Büchern pro Jahr ist utopisch und für mich auch nicht erstrebenswert. Bereits beim Lesen dieser Zahlen (für diverse BloggerInen alljährlich kein Thema, wie es scheint) bekomme ich einen Burn-out und wer will schon durch einer seiner Lieblingsbeschäftigungen krank werden? Schließlich ist die Sucht nach Musik bei mir noch wesentlich stärker ausgeprägt und will bedient werden, das Hobby Laufen verschlingt ebenfalls viel Zeit. Dass ich überhaupt zu so einer Art Leseratte geworden bin, die sich häufig der anspruchsvollen Literatur hingibt, kommt einem Wunder gleich, war die Romanwelt in meiner Familie ein Fremdwort, an sehr wenige gelesene Kinderbücher erinnere ich mich, ansonsten verbrachte ich meine freie Zeit als Jugendlicher mit dem Lesen von Sportzeitschriften, irgendwann beseelt vom Wunsch, Sportjournalist werden zu wollen.

Das Interesse an klassischer Literatur weckte tatsächlich der gymnasiale Deutschunterricht und mit „Maria Stuart“ von Friedrich Schiller gab es das entscheidende Erweckungserlebnis. Eine für meine Verhältnisse respektable Note (es war, sofern mich mein Gedächtnis nicht im Stich lässt, eine 3+, und dies war zweifellos eine respektable Note, neigte ich doch schon damals zur Tagträumerei und pubertärer Faulheit) mag ein mitentscheidender Faktor gewesen sein, doch zeigte mir Schillers Stück das ganze Ausmaß an möglichem menschlichen Drama  und ist das Leben nichts anderes als eine ständige Wiederkehr von Drama und Komödie? In ähnlicher Weise begeisterte mich später in der Oberstufe die Lektüre von Salingers „Catcher In The Rye“ im Englisch-Unterricht. Die Möglichkeit, sich hineinfallen zu lassen in den Wahnsinn des Lebens, dem man nicht entkommt, der im Buch jedoch, trotz allen Mitleidens und aller Mitfreude beim Lesen, die nötige Distanz zum eigenen Ich entfaltet, fasziniert mich an guter Literatur. Wenn Schriftsteller mit vorzüglichen sprachlichen Mitteln eigene Welten erschaffen, neue Perspektiven bieten, andere Blickwinkel aufzeigen, den Horizont erweitern und etwas für meine Bildung tun (denn wer will schon dumm sterben?), dann kann ich von einem Buch nicht mehr loslassen.

Selbstredend dient das Lesen auch der Unterhaltung. Allein, ein gewisses Niveau sollte die Lese-Unterhaltung dann schon erreichen. Es muss nicht immer Shakespeare sein, ein Ian McEwan tut es auch und ein guter Kriminalroman kann mich gelegentlich ebenfalls begeistern. Natürlich befeuerte meine langjährige Tätigkeit als Buchhändler jene verhängnisvolle Lesesucht. Dass ich nun als Journalist/Kritiker/Schreiber/Blogger (Zutreffendes bitte unterstreichen) gute Literatur vorstelle (Verrisse schreibe ich selten, möchte ich doch meine Zeit nicht mit unnützer Literatur verplempern, nur manchmal geht es eben nicht anders), sehe ich als schicksalhaft an. Anderen das Wahre, Gute und Schöne zu empfehlen macht schlicht und ergreifend sehr viel Spaß. Grund genug, auch weiterhin viel zu lesen, zu lesen, zu lesen…

Privat Gérard

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