Isolation Berlin: Und aus den Wolken tropft die Zeit – Album Review

Isolation Berlin: Und aus den Wolken tropft die Zeit – Album Review

Ein großartiges Debütalbum zwischen Element Of Crime-Melancholie und beherztem Indie-Rock

von Gérard Otremba

Dass Ende letzten Jahres das Stück „In manchen Nächten“ von Isolation Berlin zum Song des Tages auf Sounds & Books gekürt worden ist, war natürlich kein Zufall, sondern der Vorbote eines Debütalbums, der viel versprach und die Vorfreude auf den Longplayer anheizte. Nun, was „In manchen Nächten“ im Dezember andeutete, hält Und aus den Wolken tropft die Zeit auf ganzer Linie. „Ich will doch nur gefallen“, schreit Sänger und Gitarrist Tobias Bamborschke in „Ich wünschte, ich könnte…“, während Schlagzeuger Simeon Köster, Gitarrist und Organist Max Bauer und Bassist David Specht den Song in einer spektakulären Indie-Rock-Orgie direkt in die Hölle peitschen. Als ob Velvet Underground, Ton Steine Scherben und Trümmer ihre Kräfte vereint hätten.

Diesem rabaukigen Garagen-Punk-Rock, zu dem auch „Wahn“, sowie das artverwandte, dem Post-Punk-Noise-Rock ähnelnde „Ich küss dich“ gehören, steht der poetische, zur Melancholie neigende, entspannte, an Element Of Crime geschulte Rock’n’Roll gegenüber, der in „Der Garten deiner Seele“, „Du hast mich nie geliebt“ oder „Schlachtensee“ seine schönsten Blüten treibt. Lieblich-verspielte Gitarren flankieren die Einsamkeit, die Nachdenklichkeit, den Schmerz, die Verlassenheit, die Schwermut, den Stolz, die Isolation in Berlin. „In manchen Nächten“ atmet zusätzlich noch den Indie-Geist eines Gisbert zu Knyphausen, große Kunst. Zum fröhlichen Sixties-DIY-Pop tendiert „Aufstehen, Losfahren“, wo Sehnsucht und Melancholie dank jubilierender Orgelklänge in lockerer, beschwingter und lässiger Atmosphäre baden, während “Verschließe dein Herz“ im funky Disco-Gewand daherkommt, in das sich wie selbstverständlich dunkle New Wave-Rhythmen mischen und „Fahr weg“ durch Bamborschkes leidenschaftlichen Gesang an Kraft gewinnt.

Herrlich natürlich die augenzwinkernde Ironie im majestätischen Art-Pop der Albumeröffnung „Produkt“, wenn Tobias Bamborschke „Ich will, dass ihr mich konsumiert, euch in mir verliert, ich will dass ihr mich liebt und auch die ganze Welt“ herzzerreißend und divenhaft entgegenschmettert. Falls es doch nicht so weit kommt, und „wenn alles Unglück dieser Welt auf mir zusammenbricht“, weiß Bamborschke sich zu helfen, denn „dann lache ich meinem Schicksal nur ganz trotzig ins Gesicht“, singt der Exil-Kölner Bamborschke im abschließenden, lediglich von einer Orgel begleiteten, überaus berührenden „Herz aus Stein“. Das Unglück wird so schnell hoffentlich nicht auf seinen Schultern zusammenbrechen, glücklich hingegen sind alle jene, die die Musik von Isolation Berlin hören dürfen. Und aus den Wolken tropft die Zeit ist ein überragendes Debütalbum, das auch in den Jahrescharts von Sounds & Books eine vordere Platzierung anstrebt.

„Und aus den Wolken tropft die Zeit“ von Isolation Berlin ist am 19.02.2016 bei Staatsakt / Caroline International erschienen.

 

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