Ben Lerner: 22:04 – Roman

Ben Lerner: 22:04 – Roman

Ein ironisch-sarkastischer Hipster-Roman aus Brooklyn

von Gérard Otremba

Der amerikanische Schriftsteller Ben Lerner ist ein Hoffnungsträger der Literaturbranche. Im Jahre 2015 erhielt der in Brooklyn lebende Autor den MacArthur Genius Grant, den höchstdotierten Literaturpreis der USA. Für seine Lyriksammlung Die Lichtenbergfiguren gewann Lerner den Preis für internationale Poesie der Stadt Münster. Sein Debütroman Abschied von Atocha sorgte für Aufsehen in der Literaturkritik und mit dem Folgewerk 22:04 hat der 1979 geborene Autor alles getan, um weiterhin im Fokus der Rezeption zu bleiben.

Ben Lerner spielt in seinem neuen Roman 22:04 mit den Variationen des Genres. Der Leser wird Zeuge der Entstehung des Buches, er bekommt Richtungsmöglichkeiten aufgezeigt sowie Fallstricke und Facetten des Erzählens präsentiert. Ben, der Protagonist und Ich-Erzähler aus 22:04, ist ein aufstrebender Literat, gefeiert ob seines ersten Romans, und ausgestattet mit einem großen monetären Vorschuss für seinen zweiten. Der Erwartungsdruck ist enorm, eine im Magazin „New Yorker“ veröffentlichte Erzählung schürt diesen weiter, während gleichzeitig schwere Winterstürme New York bedrohen.

Ähnlich wie Regisseur Robert Zemeckis in Zurück in die Zukunft (um 22.04 Uhr schlägt im ersten Teil der Blitz in die Rathausuhr von Hill Valley, ermöglicht damit Marty McFly die Reise zurück in die Zukunft und dient als Vorlage für den Titel des vorliegenden Romans) lässt Lerner seinen fiktiven Helden über die Varianten seines vergangenen, zukünftigen und aktuellen Lebens räsonieren. Das ist mit allerlei Tücken ausgestattet, möchte doch seine beste Freundin Alex ein Kind von ihm, jedoch ohne den geschlechtlichen Akt vollziehen zu müssen. Ben ist bereit, als Spermaspender zu fungieren und seine von Lerner mit viel Ironie geschilderten Erlebnisse im „Masturbatorium“ gehören zu den witzigsten und absurdesten des ganzen Buches. Außerdem zwingen Ben zahnärztliche Röntgenaufnahmen zu neurologischen Untersuchungen, die Angst vor bösen Krankheiten wächst.

Geschickt balanciert Ben Lerner in 22:04 zwischen biographischem und fiktivem Erzählen. Mit seinem Alter Ego Ben demaskiert er samt Finesse und Sarkasmus ein neurotisches New York-Brooklyn-Künstlergehabe, bleibt dabei aber immer intellektuelle Avantgarde. 22:04 ist kunstvoll und intelligent arrangiert, kaum tauglich für ein Massenpublikum, aber die literarischen Hipster werden sich mit Freude daran ergötzen. Ein endlicher Spaß nach 308 Seiten.

Ben Lerner: „22:04“, Rowohlt, übersetzt von Nikolaus Stingl, Hardcover, 978-3-498-03943-1, 19,95 €.

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