Ton Steine Scherben: Das Gesamtwerk – Album Review

Ton Steine Scherben: Das Gesamtwerk – Album Review

Alle Scherben-Alben wieder lieferbar, auf CD, Vinyl und in Schmuckboxen

von Gérard Otremba (Beitragsfoto: Rio Reiser-Archiv)

Sie waren die Erfinder des deutschen Politrocks und hinterließen diverse, noch heute gängige Slogans und Parolen der linksalternativen Szene. Die 1970 von Rio Reiser, R.P.S. Lanrue, Kai Sichtermann und Wolfgang Seidel gegründete Band Ton Steine Scherben war für ihre radikale Haltung und die sich daraus ergebenden sozialkritischen Texte bekannt. Darüber hinaus hatte sie mit Rio Reiser einen charismatischen Sänger, der die Politisierung der Gesellschaft der End-60er Jahre in seinen Lyrics auf den Punkt brachte und ins neue Jahrzehnt hinüber rettete. Ein schwieriges Unterfangen, sie Solidarität auszurufen, während sich die linke Bewegung in zahlreiche K-Gruppen aufsplitterte. Um sich die Unabhängigkeit zu bewahren, gründeten die Scherben mit der David Volksmund Produktion folgerichtig ein eigenes Independent-Label, auf dem 1971 ihr ersten Album Warum geht es mir so dreckig? erschien.

Warum geht es mir so dreckig?

Die Songtitel ihres Debütalbums sind Programm. Die ersten vier Titel, „Ich will nicht werden was mein Alter ist“, „Warum geht es mir so dreckig“, „Der Kampf geht weiter“ und „Macht kaputt was euch kaputt macht“, sind Live-Aufnahmen eines Konzertes an der TU in Berlin vom 03.07.1970, die Ton Steine Scherben als wilde Rock’n’Roll-Band zeigen, explosiver Blues-Rock von den Rolling Stones, The Who oder auch Jimi Hendrix und MC5 inspiriert. Die Einbettung des Einheitsfrontliedes („Und weil der Mensch ein Mensch ist…“) von Bertolt Brecht und Hanns Eisler in „Macht kaputt was euch kaputt macht“ ist nur konsequentes Verbreiten der eigenen Geisteshaltung. Das psychedelische „Mein Name ist Mensch“, das ironische „Sklavenhändler“, die Blues-Ballade „Alles verändert sich“ („Alles verändert sich wenn Du es veränderst, doch Du kannst nicht gewinnen, solange Du allein bist!“) sowie der knarzige Rock von „Solidarität“ („Denn die Freiheit ist unser Ziel“) vervollständigen den ersten Agit-Rock-Longplayer der Scherben.

Keine Macht für Niemand

kTSS_MockUp_CD BoxDer zweite folgte bereits ein Jahr später und trieb den Parolen-Rock auf die Spitze. Keine Macht für Niemand ist die Quintessenz des frühen Ton Steine Scherben-Schaffens. Musikalisch bleibt sich die Band treu und erweitert ihr Repertoire um Saxophon, Flöte und Banjo. Im Mittelpunkt steht aber der bluesgetränkte Rock’n‘Roll und der Kampf um die Freiheit, der im Eröffnungssong „Wir müssen hier raus“ in der Zeile „Wir sind geboren um frei zu sein“ kulminiert. Die Ereignisse überschlugen sich in jener immer noch revoltierenden Zeit. Nach dem Tod des linksradikalen Georg von Rauch besetzten die Scherben und einige Sympathisanten Ende 1971 ein leer stehendes Gebäude des Kreuzberger Bethanien-Krankenhauses und benannten es in das Georg-von-Rauch-Haus um, das erst im April 1972 geräumt worden ist und im Zuge dessen die Scherben den ultimativen Slogan für kommende Hausbesetzergenerationen schrieben („Ihr kriegt uns hier nicht raus, das ist unser Haus“, aus dem „Rauch-Haus-Song“). Doch nicht nur der blieb hängen. Der Titelsong „Keine Macht für Niemand“, „Schritt für Schritt ins Paradies“, „Der Traum ist aus“ („Aber ich werde alles geben, damit er Wirklichkeit wird“), „Mensch Meier“ und natürlich „Die letzte Schlacht gewinnen wir“ halten die Ideale für eine bessere und gerechtere Welt hoch. Und mit dem sanften „Komm schlaf bei mir“ zeigen die Scherben, dass das Private auch immer politisch ist.

Wenn die Nacht am tiefsten

Ton Steine Scherben avancierten somit zum musikalischen Aushängeschild und Sprachrohr der linken Bewegung, eine Ehre, die der Band doch zunehmend zu viel wurde, sie sich kurzfristig auflöste und wieder zusammenfand. 1975 verabschiedeten sich die Scherben von West-Berlin und zogen aufs Land ins nordfriesische Fresenhagen. In der Zwischenzeit ohne Seidel und Sichtermann kam es beim im selben Jahr veröffentlichten Doppelalbum Wenn die Nacht am tiefsten zu deutlichen Veränderungen in textlicher und musikalischer Hinsicht. Keine Schlachtrufe mehr, Tiefe, Melancholie und eine vergleichsweise neue Innerlichkeit umgab nun die Scherben. Die Ideologie („Nimm den Hammer“, „Wir sind im Licht“, „Komm an Bord“) war zwar nicht weg, ein Mehr an Poesie wohnte den Texten Rio Reisers jedoch nun inne. Musikalisch waren die Scherben auf Wenn die Nacht am tiefsten dem Jazz, Folk, Funk und Progressiven Rock wesentlich näher als dem Rock’n’Roll der ersten beiden Platten. Saxophon und Wah-Wah-Gitarren übernahmen das Kommando, zum absoluten Highlight entwickelt sich auch nach 40 Jahren die abschließende, über 20 minütige Suite „Steig ein“. Und im Chor sang Britta Neander, die später mit den Lassie Singers und Britta einige Ausrufezeichen in der deutschen Rock-Pop-Szene setzen sollte.

Ton Steine Scherben in den 80er Jahren

kTSS_MockUp_LP BoxEine weitere musikalische Wendung erfuhren die Scherben 1981 mit ihrem nächsten Doppelalbum, der eigentlich unbetitelten, als IV (Die Schwarze) in die Annalen eingegangenen Veröffentlichung. Vom parolenhaften Polit-Rock waren Ton Steine Scherben bis auf wenige, fast verklausulierte Songs („Jenseits von Eden“, „Der Turm stürzt ein“) weit entfernt. Musikalisch wiederum so vielfältig, wie selten zuvor. Rock, Jazz, New Wave und experimentelle Avantgarde waren nun angesagt, nicht das, was sich viele damalige Fans erhofften, im Rückblick allerdings ein durchaus stilprägendes und aus dem Rahmen fallendes Album. Wesentlich geradliniger geriet dann 1983 die Abschiedsvorstellung Scherben. Neben treibenden Rockstücken („Wo sind wir jetzt“, „Verboten“, „La Reponse“, „Hau ab“) wandten sich Reiser & Co. dem Pop zu, der in „Regentag“ und der Single „Laß uns‘n Wunder sein“ gar prächtig leuchtet. Dass jetzt aber auch 80er-Jahre-Keyboardklänge teilweise die Oberhand gewannen, nun gut, gewöhnungsbedürftig, aber die Scherben machten irgendwie noch das Beste daraus. Danach war Schluss mit Ton Steine Scherben, Rio Reiser machte als „König von Deutschland“ mit „Junimond“ Karriere und verstarb 1996 viel zu früh im Alter von nur 46 Jahren. Eine Kultband bleibt Ton Steine Scherben für immer, der Einfluss reicht bis in die heutige Zeit und inspiriert neue, aufstrebende Bands, wie zum Beispiel die Hamburger Formation Trümmer.

Sämtliche Studio-Alben von Ton Steine Scherben sind seit dem 04.12.2015 via Indigo als CD, LP und Download erhältlich. Darüber hinaus gibt es die Alben jetzt auch remastered auf Vinyl in einer Schmuckbox samt 72-seitigen Buch und anderen Extras. Diese Box gibt es auch mit CDs gefüllt, eine Wiederveröffentlichung aus dem Jahre 2006, mit drei Live-CDs und einer CD mit Singles, Demos und Raritäten.

Kommentare

  • <cite class="fn">gerhard</cite>

    Die Neubauten haben sich interessanterweise auch immer auf die Scherben als musikalische Vorbilder berufen. Von ‚Keine Macht für Niemand‘ hab ich das Original-Vinyl seit Jahrzehnten im Schrank stehen, hinsichtlich ausladender Gitarrensoli ist das Teil neben den rotzigen Polit-Texten nach wie vor eine Nummer für sich.
    Mit „Teufel hast Du Wind?“ haben die Scherben zusammen mit Dietmar Roberg ein hervorragendes Kinder-Hörspiel produziert, das auch für Erwachsene gut anzuhören ist.

    [youtube http://www.youtube.com/watch?v=I1fy3Zhb2zI&w=400&h=260%5D

    Viele Grüße, Gerhard

    • <cite class="fn">Gérard Otremba</cite>

      Ja, „Keine Macht für Niemand“ ist definitiv auch mein Scherben-Lieblingsalbum. Ganz besonders „Die letzte Schlacht gewinnen wir“. Aber diverse andere Songs auch. Viele Grüße, Gérard

Kommentar schreiben

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.