Sebastian Krämer: Lieder wider besseres Wissen – Album Review

Sebastian Krämer: Lieder wider besseres Wissen – Album Review

Hintersinnig, doppelbödig und pointiert

von Sophie Weigand

Sebastian Krämer kann, das darf mit Fug und Recht behauptet werden, vermutlich über nahezu alles singen und schreiben ohne den leisesten Verlust an Verve, Witz und Wortkunst. Auf seinem letzten Album „Tüpfelhyänen oder die Entmachtung des Üblichen“ waren das u.a. die titelgebenden Tiere, die Renaissance der Schallplatten oder Ingwerschokolade. Und auch auf „Lieder wider besseres Wissen“ finden sich Kleinode, die zunächst ganz Gewöhnliches zu besingen scheinen. Eine Armbanduhr und ihr unermüdliches Funktionieren, bis auch sie einmal der menschlichen Unterstützung bedarf („Meine Armbanduhr“). Die durchaus prosaisch zu nennende Widersprüchlichkeit einer Bruderbeziehung („Mein Bruder“). Schließende Videotheken („Hundert Schritte“). Tollende Hunde nach der Erntezeit („Die Ballade vom Schweinehund“).

Es sind die vermeintlich kleinen Dinge, in denen Sebastian Krämer das Große, das Universelle und letztlich die Poesie entdeckt. Es ist seinem außerordentlichen Sprachtalent zu verdanken – 2001 und 2003 wurde er deutscher Poetry-Slam-Meister, mittlerweile hat er sich von diesen Bühnen zurückgezogen -, dass ihm dabei niemals eine Plattitüde entwischt, ein Hauch zuviel des Guten oder andere Überdosierungen zu großer Gesten. Krämer bleibt immer hintersinnig, doppelbödig und pointiert. Er schwingt keine moralischen Zeigefinger, wie er auch des öfteren in Interviews betont und weshalb er den Begriff Kabarett für sich entschieden ablehnt. Das politische Tagesgeschäft ist seine Sache nicht; nichtsdestotrotz streut er natürlich auch im neuen Album kleine gesellschaftspolitisch relevante Brotkrumen aus. In „Idioten vom Uranus“ führt er die Aussage „Ich bin nicht fremdenfeindlich, aber…“ gänzlich ad absurdum und spiegelt ihren Widersinn auf die einzig richtige Weise: mittels humoristischer Bloßstellung. Dass Krämer in einem Haushalt aufwuchs, der von klassischer Musik sehr geprägt war, hört man seinen Arrangements deutlich an. Sie sind kunstvoll und originell, dabei aber einprägsam und melodisch.

Nichts daran ist gewöhnlich – und sollte man doch etwas entdecken, kann man es ziemlich sicher als ironische Enttäuschung von Erwartungen entlarven. Auf „Lieder wider besseres Wissen“ experimentiert Krämer mit den verschiedensten musikalischen Genres – vom klassischen Klavierchanson über Synthiepop und Drehorgelklang, sogar ein Schlagzeug lässt sich vernehmen. Stillstand ist dem poetisch versierten Chansonnier ein Fremdwort. Seine Lieder changieren zwischen Alltäglichkeit und Märchen, genau darin liegt ihre Durchschlagskraft, ihre hypnotische Intensität. Sie verbinden das Gewöhnliche mit dem Besonderen, sie wollen nicht nur dudeln und dahinfließen, sondern in erster Linie erzählen – und das gelingt ihnen. Wer Sebastian Krämer bisher nicht kennt, sollte das, sofern ihm an deutschsprachiger Musik mit gewissem Etwas gelegen ist, augenblicklich nachholen. „Lieder wider besseres Wissen“ bietet einen barrierefreien Zugang zu einer ganz anderen Art, unsere Welt zu betrachten. Hereinspaziert, es lohnt sich!

„Lieder wider besseres Wissen“ von Sebastian Krämer ist am 09.10.2015 bei Reptiphon / broken silence erschienen.

Kommentare

  • <cite class="fn">gerhard</cite>

    Der Bandname ist genial, ist wie ‚Gibby Haynes & His Problem‘ ;-))))
    Danke für den Song, sorgt für gute Laune am Morgen,
    viele Grüße,
    Gerhard

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