Blur: The Magic Whip – Album Review

Blur: The Magic Whip – Album Review

Blur melden sich nach zwölf Jahren mit einem überragenden neuen Album zurück

von Gérard Otremba

Zwölf lange Jahre sind seit dem letzten Blur-Album Think Tank vergangen. Eine Ewigkeit im Popzeitalter. Doch egal, was vorher war, all die erworbenen Meriten, die dem britischen Quartett dank Platten wie Modern Life Is Rubbish, Parklife, The Great Escape, Blur oder 13 und mit Singles wie „Song 2“, „Boys & Girls“ und „Beetlebum“ zweifellos gebühren, alles Schnee von gestern. Mit The Magic Whip, dem nunmehr achten Blur-Album, spielen sich Damon Albarn, Graham Coxon, Dave Rowntree und Alex James in die nächste Dimension. Der Entstehungsprozess des neuen Longplayers begann während einer Tourpause im fernen Hongkong, das Ergebnis ist als brillant zu bezeichnen. Bergriffe wie Brit-Pop greifen für The Magic Whip zu kurz, interessieren Damon Albern und Graham Coxon schätzungsweise auch gar nicht, waren ihnen wohl schon vor 20 Jahren völlig egal. Das Quartett zeigt sich auf der Höhe der Zeit und stellt mit den zwölf neuen Songs alle Soloprojekte, wie zum Beispiel Gorillaz, in den Schatten. Nie waren Blur den Beatles näher als auf The Magic Whip. Sixties-Pop mit Psychedelic-Anklängen eröffnet das Album mit „Lonesame Street“, es wird fröhlich gepfiffen und „uhuhuht“, während „New World Towers“ den ersten ruhigen Kontrapunkt setzt und später von der Traurigkeit und Sehnsucht in „Thought I Was A Spaceman“ übertroffen wird.

Alberns Näsel-Stimme verhallt, sehr spät setzt die Rhythmusmaschine ein, alptraumhafte Gitarrenwände treffen auf Elektro-Gefrickel, wir schweben träumend davon. Es ist nicht jedes Stück auf The Magic Whip so schön zugänglich wie „I Broadcast“, der mit seinem straighten Indie-Rock und Alberns blasierten Vocals an alte Zeiten erinnert. Im Gegenteil sollte man sich Zeit zum Hören nehmen und dann offenbart sich ein Panoptikum grandioser Einfälle, die zwischen Melodieseligkeit und Experimentierfreude changieren. Die trockenen Beats und fies-verzerrten Gitarren bei „Go Out“, der an The Nits erinnernde Avantgarde-Pop von „Ice Cream Man“ oder die edle Melancholie in „My Terracotta Heart“, alles genial eingefädelt. Blur haben die Ruhe gefunden, ohne zu langweilen, denn auch „There Are Too Many Of Us“ (trotz einer gewiss nicht zu verleugnenden Hymnik) und das anschließende „Ghostship“ fließen majestätisch und lässig dahin, großer Pop. In „Pyongyang“ ist eine stille Grandezza ebenfalls Programm, bevor „Ong Ong“ fast schon überschwänglichen Pop bietet und mit „Lalala“-Chören bezirzt. Mit dem gespenstischen „Mirrorball“ beenden Blur The Magic Whip, das ein perfektes Comeback-Album geworden ist und alle Erwartungen übertrifft.

„The Magic Whip“ von Blur ist am 24.04.2015 bei Parlophone / Warner Music erschienen.

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