Ian McEwan: Kindeswohl – Roman

Ian McEwan: Kindeswohl – Roman

Der perfekte zeitgenössische Roman

von Gérard Otremba

Kindeswohl, der neue Roman von Ian McEwan, ist das schönste literarische Geschenk des Jahres 2015. Der 1948 in englischen Aldershot geborene Ian McEwan gehört zu den wichtigsten und anspruchsvollsten britischen Gegenwartsautoren, dessen Prosa zahlreiche Auszeichnungen erfuhr, u.a. erhielt McEwan für seinen Roman Amsterdam den Booker Prize und für Abbitte den Deutschen Bücherpreis. Nach eben jenem überwältigenden, und mit Keira Knightly verfilmten Epos von 1998, überzeugte Ian McEwan mit seiner Erzählkunst in den folgenden Büchern Saturday, Am Strand, Solar und Honig auf unterschiedliche, aber immer spektakuläre Art und Weise. Mit Kindeswohl, aus dem englischen Original The Children Act von Werner Schmitz übersetzt, übertrifft Ian McEwan all diese wunderbaren Romane und hat, ähnlich wie mit Abbitte, einen vollkommenen Roman geschrieben. Die 59-jährige Richterin Fiona Maye gerät in die tiefste private Lebenskrise, nachdem ihr Mann sie nach 30 Ehejahren um die Erlaubnis für eine außereheliche Affäre bittet. Inmitten ihrer Gefühls- und Gedankenverwirrung muss sie sich mit einem äußerst kniffligen und sehr eiligen Fall auseinandersetzen. Der noch 17-jährige, an Leukämie erkrankte, in der Glaubensgemeinschaft der Zeugen Jehovas aufgewachsene Adam Henry verweigert aus religiösen Gründen lebensrettende Bluttransfusionen, die das behandelnde Krankenhaus gerichtlich erzwingen will. Da sich der Gesundheitszustand des fast volljährigen Patienten rapide verschlechtert, besucht die Richterin Adam Henry im Krankenhaus, um sich ein persönliches Urteil über den Geisteszustand des Schwerkranken zu bilden. Sie trifft auf einen klugen, charmanten, lebensbegeisterten, aber auch pubertierenden Teenager, der den Glauben über sein Leben stellt und Fiona Maye auf eine harte Probe.

„Ein Schwindel erfasste sie, ein Gefühl von Leere, von Sinnlosigkeit. Ihr kam der blasphemische Gedanke, dass es so oder so keine große Rolle spielte, ob der Junge lebte oder starb. Alles würde bleiben, wie es war. Tiefe Trauer zuerst, vielleicht bittere Reue, zärtliche Erinnerungen, aber das Leben würde machtvoll weitergehen, und diese Empfindungen würden immer mehr verblassen, bis diejenigen, die ihn geliebt hatten, alt wurden und schließlich starben – und dann nichts mehr davon übrig blieb. Religionen, moralische Prinzipien, auch ihre eigenen, waren wie Gipfel in einem dichtgefügten Gebirgszug, aus großer Entfernung gesehen: keiner eindeutig höher, wichtiger, wahrer als die anderen, Was sollte man da urteilen?“

Doch bleibt Richterin Fiona Maye nichts anderes übrig, als ein Urteil zu fällen. Ein weitreichendes Urteil für Adam Henry und sie selbst, das dem Roman eine neue Wendung verleiht. Leben und Tod, Schuld und Sühne, Recht und Moral, Gesetz und Religion. Ian McEwan spannt den großen Bogen der essentiellen Lebensthemen auf lediglich 220 Seiten, kein Satz zu viel, kein Wort zu wenig. 220 Seiten Unterhaltung auf virtuosem literarischen Niveau. Kindeswohl zeigt einmal mehr die einsame Klasse des Ian McEwan, der spätestens jetzt den Literaturnobelpreis erhalten muss.

Ian McEwan: Kindeswohl, Diogenes Verlag, Hardcover, 978-3-257-06916-7, 21,90 €.

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