Andrej Kurkow: Jimi Hendrix live in Lemberg – Roman

 Neuer skurriler Witz von Andrej Kurkow

von Gérard Otremba

Nein, Jimi Hendrix hat nie live in Lemberg gespielt. Doch die Gerüchte über einen möglichen Auftritt des Gitarrenhelden in der ukrainischen Stadt hielten sich hartnäckig, will man dem neuen Roman von Andrej Kurkow Glauben schenken. Der in Kiew lebende, russisch schreibende Autor entführt den Leser in die ukrainische, unweit der polnischen Grenze liegende Stadt Lemberg, in der plötzlich ein merkwürdiger, salziger, an das Meer erinnernde Duft in der Luft liegt. Die Veränderungen nehmen auch die Protagonisten von Jimi Hendrix live in Lemberg wahr. Da ist zunächst der Opern- und Theaterbeleuchter Alik, der mit einigen Gleichgesinnten jedes Jahr am Todestag von Jimi Hendrix auf den Friedhof pilgert, wo in einem Grab angeblich dessen, dummerweise rechte, Hand bestattet liegt.

Dort lernt Alik den ehemaligen KGB-Hauptmann Rjabzew kennen, der während der Sowjetzeit für die Überwachung Aliks und seiner Hippie-Freunde zuständig war und durch die Abhörmaßnahmen selbst zum Hendrix-Fan mutierte und an der Überführung der Hendrix-Hand seine KGB-Finger im Spiel hatte. Der Fast-Mediziner Taras wiederum hat sich auf eine spezielle Entfernung von Nierensteinen spezialisiert und bietet seine Dienste im Internet an. So fährt er in der Nacht seine zumeist polnischen Kunden mit einem alten Opel durch mit Schlaglöchern übersäte Straßen Lembergs, um mittels Vibration den Nierensteinen den richtigen Weg zu weisen. Außerdem verliebt sich Taras in Darja, die ihm in ihrer Stube das verdiente Geld in die heimatliche Währung wechselt. Weitere handelnde Personen sind Oxana, Taras‘ beste Freundin, die abends als Schauspielerin arbeitet und sich in der Obdachlosenhilfe engagiert und Jerzy, Taras‘ schrulliger Nachbar, der Oxana Avancen macht. Auch Schriftsteller Wynnytschuk lebt in Lemberg, der einen Seemann aus seinem neuen Roman gelöscht hat, der Wynnytschuk seinerseits in einem Traum Rache schwört. Und nicht zu vergessen, Taras‘ polnischen Nierensteinkunden, wie der adlige Waclaw, der statt Steine Perlen aus seiner Niere befördert.

„Waclaws zweiter Stein kam kurz nach zwei Uhr nachts bei einem Villenrohbau in der Krim-Straße heraus. Der letzte geriet unerwartet exakt vierzig Minuten später in Bewegung, als sie am Lytschakiwski-Friedhof vorbeifuhren. Hier allerdings musste der arme polnische Adlige, in unbequemer Haltung, mit dem Glas in der Hand, ziemlich lange stehen, wohl zwanzig Minuten. Und er wäre vielleicht noch länger gestanden, wenn nicht plötzlich in der Nähe ein Schuss gefallen wäre. Bei dem Schuss fuhr Waclaw erschrocken zusammen, schrie auf, und Taras hörte, wie das Steinchen am Boden des Glases klirrte. Als Taras Waclaw ins Hotel brachte, sah der furchtbar aus, aber auf seinem Gesicht erschien zugleich glückliche Erleichterung. Diesen Ausdruck haben Frauen unmittelbar nach einer Geburt. Zu Hause in seiner Küche studierte Taras neugierig seine Ausbeute. Vor Glück stockte ihm der Atem. Diese Steinchen waren wie der erste! Mit gewöhnlichen grauen Nierensteinen hatten sie nicht gemein. Vor Taras lagen auf dem leeren weißen Blatt Papier zwei große Perlen!“

Alle von Kurkow überaus liebevoll und sympathisch gezeichneten Figuren beleben Lemberg und diesen Roman. Mit skurrilem Witz und Ironie beweist Andrej Kurkow in Jimi Hendrix live in Lemberg seine literarische Klasse zwischen John Irving und Tom Robbins. Und die Seeluft in Lemberg? Ach ja, für die hat Kurkow ebenfalls eine passende Lösung gefunden…

Andrej Kurkow: Jimi Hendrix live in Lemberg, Diogenes Verlag, Hardcover, 978-3-257-06871-9, 22,90 €.

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