Tweedy: Sukierae – Album Review

Tweedy: Sukierae – Album Review

Wie könnte es anders sein: Ein fesselndes Solo-Album von Wilco-Kopf Jeff Tweedy

von Gérard Otremba

Mit Uncle Tupelo kümmerte sich Jeff Tweedy in den frühen 90ern herzergreifend um den Alternative-Country, danach in der Frühphase von Wilco ebenso, bevor er mit den Wilco-Alben Summerteeth, Yankee Hotel Foxtrott, A Ghost Is Born, Sky Blue Sky und zuletzt The Whole Love in den Rock-Pop-Olymp aufstieg. Tweedy verband alle bekannten Stilarten zu einem neuen, aufregenden Konglomerat, er war die perfekte Schnittstelle aus Bob Dylan und den Beatles und entwickelte sich neben, aber noch dominanter als Ryan Adams und Conor Oberst zu den wenigen neuen Musikgenies der letzten 20 Jahre. Ein Bewahrer, Erneuerer, Entdecker, Erfinder und Schöpfer. Nicht ganz so spektakulär, aber mindestens genauso brillant wie auf den Wilco-Platten sind die insgesamt 20 Songs auf Tweedys erstem Solo-Album Sukierae, aufgenommen mit seinem Schlagzeug spielenden Sohn Spencer Tweedy sowie einigen wenigen Gastmusikern wie den Lucius-Sängerinnen Jesse Wolfe und Holly Laessig. Der ultrakurze, nur 1:30 Minuten dauernde, knackige Schrammelrock des Openers „Please Don’t Let Me Be So Understood“, der zerfranste, unwegsame und schemenhafte Rock von „I’ll Sing It“ oder der Underground-Psychedelia-Rock bei „Diamond Light Pt. 1“ bilden im gemäßigten oberen Lautstärkepegel die Ausnahme auf Sukierae.

Vielmehr gibt es dunklen, düsteren Songwriter-Folk wie „Pigeons“, „Honey Combed“, „New Moon“, „Down Frome Above“ und „Fake Fur Coat“ zu hören, dem die Tweedy eigene sinistere Schönheit zugrunde liegt. Demgegenüber stehen die berührenden, melancholischen und romantischen Folk-Pop-Songs „Wait For Love“, „Low Key“ und „Nobody Dies Anymore“. Wobei die Grenzen zwischen Düsternis und Romantik im Tweedy-Kosmos hier durchaus fließend sind. Zur großen anmutigen Ästhetik lädt Jeff Tweedy bei „Summer Noon“ ein, bei dem Harmonie, Verträumtheit und Melancholie zu einem perfekten und unbeschwerten Einklang finden. Andere Musiker würden für diese Tweedy-Popsensibilität töten. Ach, viel schöner geht es einfach nicht. Es gibt auf Sukierae nicht so viele Songs mit dieser fluffigen Catchyness wie „Summer Noon“, man muss sich die innige Bindung zum Album durchaus erarbeiten, doch dann entfaltet sich Tweedys Musik in all ihrer Pracht. Genies machen es einem nun mal nicht immer leicht mit ihrer Kunst und genauso verhält es sich mit Jeff Tweedy und Sukierae. Ein vortreffliches Album.

„Sukierae“ von Jeff Tweedy erscheint am 19.09.2014 bei Anti.

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Kommentare

  • <cite class="fn">Jan</cite>

    Auf so ein Album habe ich von Wilco seit Jahren vergeblich gewartet… danke Gérard für das tolle Review!

  • <cite class="fn">Steamie</cite>

    Hab das Teil seit gestern und bin vom Start weg verliebt…
    Es gab noch nie eine Scheibe von Tweedy/Wilco die ich nicht erobern musste und das ist gut so. Doch danach waren und sind es die herrausragenden Scheiben die am meisten laufen auf meiner Anlage.
    Das es mit Sukierae genau so wird, war mir schon beim ersten mal hören klar. wer, wie der ME von „Familienurlaub“ oder „Dadrock“ redet, hat Tweedy immer noch nicht verstanden und zum Glück juckts ihn selbst eh nicht 🙂

  • <cite class="fn">gerhard</cite>

    Da bin ich sehr gespannt, kenne die Scheibe noch nicht, aber er ist tatsächlich einer, der die Erwartungen immer voll erfüllt hat. Die letzte Wilco-Platte, „The Whole Love“ finde ich herausragend.
    Grüße,
    Gerhard

    • <cite class="fn">Pop-Polit</cite>

      Ja, „The Whole Love“ ist herausragend, meine persönlichen Wilco-Lieblingsalben heißen „Summerteeth“, „Yankee Hotel Foxtrott“ und „A Ghost Is Born“. Und Wilco ist für mich die beste zeitgenössische Rock-Pop-Band schlechthin.
      Viele Grüße, Gérard

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