The National live in Hamburg – Konzertreview

The National live in Hamburg – Konzertreview

Die hymnische Schwermut von The National im Hamburger Stadtpark

von Gérard Otremba, Beitragsfoto von Karsten Jahnke GmbH

Bei perfekten äußeren Open-Air-Bedingungen von über 20 Grad und lockerer Bewölkung spielt die amerikanische Band The National am 04.06. 2014 ein knapp zweistündiges Konzert im Hamburger Stadtpark. Bereits deutlich vor 19 Uhr beginnt der Konzertabend mit dem Support von St. Vincent. Hinter dem Moniker steckt die amerikanische Songwriterin Annie Clark, die mit ihrer kleinen Bandbegleitung ein Set zwischen melodiösen Indie-Pop und teils schwer zugänglichen Avantgarde-Rock bis zu mutwilligen Dekonstruktion spielt. Eigenwillig, rätselhaft, verschroben und schrullig. Zum Warmspielen nutzt die in Brooklyn, New York beheimatete und aus Cincinnati stammende Formation The National die ersten beiden auf dem aktuellen Album The Trouble Will Find Me veröffentlichten Songs „Don’t Swallow The Cap“ und „I Should Live In Salt“. Es wird auch live offensichtlich, dass die Songs des 2013 erschienenen Longplayer nicht ganz mit denen aus dem Vorgängeralbum High Violet mithalten können. Sie dienen ganz wunderbar dem bei The National unabdingbaren Laut-Leise-Wechsel und betten sich durchaus genügsam in das The National-Repertoire, die sakral-euphorische Hymnik diverser High Violet-Titel erreichen sie jedoch nicht wirklich. Mit „Mistaken For Strangers“ vom 2007er-Album Boxer nimmt der Auftritt von The National Fahrt auf und erreicht über der Mega-Hymne „Bloodbuzz Ohio“ bei „Afraid Of Everyone“ einen ersten großen Höhepunkt. In diesem Stück manifestiert sich die ganze an Joy Divison angelehnte Schwermut und Düsternis dieser Band, die immer zwischen tanzbaren Indie-Pop-Rock und elegischen Balladen changiert.

Die melancholische Aura des Matt Berninger

Der Stimme von Matt Berninger immer belegt und leicht nuschelnd, wie sonst nur die von Stuart Staples von Tindersticks, die Brüderpaare Aaron und Bryce Dessner sowie Bryan und Scott Devendorf an Bass, Schlagzeug und Gitarren, live unterstützt von zwei sich den Keyboards und Bläsern widmenden Musikern, untermalen die lyrisch-melancholische Aura Berningers. Das anschließende „Conversation 16“ steigert das wehmütige Charisma des bärtigen Sängers nochmals. Bevor die Dämonen und Seelenqualen jedoch überhand nehmen, verschafft man sich Luft und so schreit Berninger einzelne Textpassagen von „Squalor Victoria“ und „Abel“ mit schierer Inbrunst dem Publikum entgegen. Dorthin, inmitten seiner Fans, wandelt Matt Berninger wie ein gepeinigter Messias gleich dreimal an diesem Abend, die Menge macht ihm bereitwillig den Weg frei und verfolgt gebannt dessen Pfad durch die Massen. Längst zieren bedrohliche Wolken den Hamburger Stadtparkhimmel. Einzelne Regentropfen fallen herab und dann schlägt das Künstlerschicksal erbarmungslos zu: Während der ersten Zugabe, dem wunderschönen „Lemonworld“, vergisst Berninger seinen Text, auch der zweite Anlauf misslingt und es folgt der Songabbruch, ein Jammer. Mit der grandiosen Hymnik von „Terrible Love“ und der akustischen Version von „Vanderlyle Crybaby Geeks“ beenden The National das Konzert im Stadtpark. Die Schwermut im Herzen zieht es das Publikum zurück in die laue Hamburger Nacht.

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