CD-Kritik zu Bruce Springsteen: High Hopes

Mit High Hopes legt Bruce Springsteen ein ungewöhnliches, aber sehr gutes neues Album vor

von Gérard Otremba

 Für Bruce Springsteen-Fans wird das 18. Studioalbum des Rockmusikers aus New Jersey vielleicht nicht denselben Stellenwert besitzen wie das außergewöhnliche letzte Bob Dylan-Album Tempest bei dessen Anhängern. Doch negative Aspekte bei Springsteen-Platten zu finden ist schwierig genug. In allen zwölf auf High Hopes versammelten Songs ist Bruce Springsteen drin, wenn Bruce Springsteen draufsteht, egal ob es die drei Coverversionen „High Hopes“, „Just Like Fire Would“ und „Dream Baby Dream“ sind, durch Konzerte bekannte und umarrangierte oder noch nicht veröffentlichte Springsteen-Stücke aus den letzten Jahren.

Auf Grund dieser Zusammenstellung fehlt dem Album naturgemäß ein roter Faden, und sicherlich erreicht es nicht die Qualität der uneingeschränkten Meisterwerke Born To Run, Darkness On The Edge Of Town, Born In The U.S.A, Nebraska und The River. Aber mit Springsteens letzter, ganz famosen Platte Wrecking Ball kann es der Rock von High Hopes durchaus aufnehmen, obwohl sofortige Springsteen-Ohrwürmer wie „We Take Care Of Our Own“ oder „Wrecking Ball“ auf dem neuen Longplayer scheinbar fehlen. Das nun sattsam bekannte, percussive „High Hopes“ macht den Anfang, wird von der Horn-Section und den Backing Vocals getragen und reißt in typischer Springsteen-Manier mit. Springteens teilweise verhallter Sprechgesang sowie die bedrohlichen Gitarrenläufe von Tom Morello lassen die Grundstimmung von „Harry’s Place“ in mystische Dunkelheit kippen. Und ein verhaltenes Saxophon von E-Street-Band-Legende Clarence Clemons ist ebenfalls zu vernehmen.

Wahrscheinlich ein wichtiger Mitgrund für Rockstar Springsteen die Songs zu veröffentlichen, ist neben Clemons auch noch das zweite verstorbene E-Street-Band-Mitglied Danny Federici bei zwei Aufnahmen zu hören, und zwar auf „Down In The Hole“, das zu Beginn leicht befremdlich wirkt, bevor sich „I’m On Fire“-Drums herauskristallisieren, Federicis Orgel brilliert, Clarence Clemons‘ Saxophonspiel ertönt und die ganze Familie Springsteen die Backing Vocals übernimmt, also Ehefrau Patti Scialfa sowie die Kinder Evan, Jessie und Sam. Ebenfalls verewigt ist Federici bei „The Wall“, ein ruhiger, nachdenklicher Springsteen-Song über Walter Cichon, ein Rockmusiker aus New Jersey, der 1968 im Vietnam-Krieg fiel.

Im ähnlich ruhigen Stil und von Streichern veredelt, fließt „Hunter Of Invisible Game“ durch das Album. Das auf dem Konzert-Mitschnitt „Live In New York City“ 2001 veröffentlichte „American Skin (41 Shots)“ erschallt nun auf auch in der Lauflänge von über sieben Minuten adäquaten, bombastischen Studiohymne durch die Wohnzimmerlautsprecher. Beim Hören des The Saints-Originals von „Just Like Fire Would“ hat man schon das Gefühl, Bruce hätte dort seine Finger im Spiel gehabt, nun gibt es diesen Song im typischen Springsteen-Panorama-Sound zu hören, ausgelassen wie diverse The River-Kompositionen.

Als ähnlich euphorisierend entpuppt sich der hymnischer Stampfer „Frankie Fell In Love“ und das feierliche, irisch angehauchte „This Is Your Sword“, während „Heaven’s Wall“ mit den Soul-R&B-Backing Vocals und einem dringlichen Tanz-Groove sofort ansteckt. Und dann haut Bruce Springsteen noch eine fette Band-Version von „The Ghost Of Tom Joad“ raus, ein opulenter Rock-Sound, der fast schon „Born In The U.S.A“-Auswüchse erfährt. Über sieben Minuten lang großer Rock’n‘Roll. Mit dem wunderschönen Sehnsuchts-Pop von „Dream Baby Dream“ beschließt Bruce Springsteen das Album und beweist auch auf High Hopes: Er ist und bliebt The Boss. Fehlen nur noch die hoffentlich bald folgenden Europa-Tourdaten, um zu erleben, ob es nach den Konzerten mit der E-Street-Band in Frankfurt und Köln sowie Berlin 2012 und München, Hannover sowie Mönchengladbach und Leipzig 2013 weitere fulminante 3-Stunden-Auftritte geben wird.

„High Hopes“ von Bruce Springsteen ist am 10.01.2014 bei Sony Music / Columbia erschienen.

  

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