John von Düffel: Klassenbuch – Roman

John von Düffel: Klassenbuch – Roman

 

John von Düffel führt ein formidables Klassenbuch

Der Autor und Dramaturg John von Düffel, der mit Romanen wie Vom Wasser, Houwelandt und Beste Jahre seine literarische Klasse unter Beweis stellte, hat mit seiner neuen Veröffentlichung Klassenbuch das wahrscheinlich mutigste schriftstellerische Werk seiner Karriere geschrieben. Der u.a. mit dem Aspekte-Literaturpreis bedachte von Düffel schaut ins Klassenbuch und findet neun Schülerinnen- und Schüler, neun verschiedene Stimmen, neun unterschiedliche Charaktere.

Da ist zum Beispiel der sich als Elf fühlende, in Verliebtheitsstimmung und auf Busensuche befindliche Erik. Oder die suizidgefährdete Bea und der in virtuelle Welten abdriftende und Comiczeichner werden wollende Stanko. Die Idealistin Emily hingegen kämpft heroisch gegen den Schul-Catering-Service und findet sich mit einem Burn-out auf der Krankenstation wieder. Annika sammelt mit ihrem kleinen Bruder auf dem Schulweg tote Tiere ein und sorgt für ihre Begräbnisse. Vanessa verschanzt sich unter einem Pseudonym im Netz und lässt ihr Leben durch eine Mini-Drohne aufzeichnen. Alle bezeichnen Lenny zwar als „idiotisch“, aber der „Nerdfighter“ ist Champion in der digitalen Welt und hat viele(s) im Griff. Die „Jahrhundertstimme“ Li will Sängerin werden, muss aber noch eine stressige Aufnahmeprüfung ablegen, während Henk zwar dem Sockenfußschweiß von Eriks Mutter verfallen, aber unglücklich in Li verliebt ist.

Für all diese kurz vor dem Abi stehenden Heranwachsenden findet John von Düffel, der seine  Protagonisten aus der jeweiligen Ich-Perspektive erzählen lässt, die passenden Worte. Als Fixpunkt dieser Elftklässler dient die allseits beliebte Lehrerin Frau Höppner, deren plötzliches Verschwinden für wilde Spekulationen sorgt. Geschickt spielt von Düffel mit den Themen Identitätssuche und Erwachsenwerden in der digitalen Welt, ist das Leben der hier porträtierten jungen Mitglieder der „Generation Smartphone“ im virtuellen Raum ein Versteckspiel vor sich selbst, die Möglichkeit, Druck abzubauen, aber eben auch eine Flucht vor der Realität.

Die Diskrepanz zwischen Schein und Sein, von John von Düffel hervorragend aufgedeckt anhand seiner jugendlichen Protagonisten, die zwischen innerer Zerrissenheit, Unsicherheit, Traurigkeit, Mut und offensichtlicher Intelligenz changieren. Die als Monologe angelegten Episoden funktionieren im Mikro- wie im Makrokosmos des Romans und sind von teils berührender Natur. Klassenbuch ist ein gewagter, faszinierender, aktueller und ganz besonderer Adoleszenz-Roman. Und taucht hoffentlich auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2017 auf.

John von Düffel: „Klassenbuch“, Dumont, Hardcover, 318 Seiten, 978-3-8321-9834-3, 22 €.

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