Heinz Strunk: Jürgen – Roman

Heinz Strunk: Jürgen – Roman

Der arme Willi Jürgen

Heinz Strunks neuem Roman Jürgen ist eine Postkarte beigelegt. „Jürgen sucht Liebe“ steht da geschrieben und an einem kleinen Ecktisch vor der gekachelten Wand und der Heizung sitzt Jürgen, mit Nachnamen Dose, der Protagonist aus Strunks gleichnamigen Buch. Dargestellt von Heinz Strunk himself, mit Schnauzbart und einem schwarz-blau gestreiften Reißverschluss-Pullover. So ziemlich exakt, wie man sich Jürgen während der Lektüre vorstellt.  Ja, Jürgen sucht Liebe, findet sie aber nicht. Jürgen Dose ist Mitte 40, wohnt in Hamburg-Harburg, arbeitet als Tiefgaragenpförtner und pflegt gemeinsam mit zwei Krankenschwestern vom mobilen Hilfsdienst seine bettlägerige Mutter. Der Vorteil: Mutters Invalidenrente deckt sämtliche Kosten ab. Der Nachteil: Jürgen hat eine penetrante, miesepetrige Nörglerin am Hals.

Aber Jürgen hat es sich eingerichtet in seinem Leben und verkraftet in seinem Pragmatismus die andauernde private Anwesenheit seiner Mutter nolens volens. Sein größeres Problem ist die Unmöglichkeit, eine geeignete Lebensabschnittspartnerin zu finden. Und das schon seit er Interesse am anderen Geschlecht bekundet – also seit der Teenagerzeit – wie einige von ihm erzählte Anekdoten beweisen. Jürgen ist ein Mensch, den Heinz Strunk als „armen Willi“ bezeichnet. Doch wie gut, dass man als armer Willi noch viel ärmere Willis kennt. Jürgens schräger Kumpel heißt Bernd, ist fett, sitzt im Rollstuhl und bekommt genauso wenig eine Frau ab, wie Jürgen selbst. Nachdem auch das letzte Date mit Manuela katastrophal verlief,  fährt Jürgen gemeinsam mit Bernd und noch ein paar anderen armen Willis ganz spontan mit dem Verkupplungsunternehmen Eurolove über Ostern ins polnische Breslau. Man kann sich denken, dass auch jener Versuch, endlich Liebe beim weiblichen Geschlecht zu finden, zum Scheitern verurteilt ist.

Letztes Jahr erhielt  Heinz Strunk für seinen Roman Der goldene Handschuh den Wilhelm Raabe-Preis und war für den Leipziger Buchpreis nominiert. Mit Jürgen kehrt der 1962 in Hamburg geborene Strunk zurück zur semi-autobiographischen Prosa. Jürgen ist vollgespickt mit Humor, der in guten Momenten an Strunks Auftritte in der Satire-Sendung Extra3 erinnert, sich auf 250 Romanseiten indes auch an der possenhaften Kalauerfront verliert. Aber als eine gute Satire auf all die Beziehungsratgeber funktioniert Jürgen ganz hervorragend. Denn Jürgen Dose hat viele Anleitungen gelesen (im Anhang zählt Heinz Strunk, der zu diesem Roman einen Soundtrack komponiert hat, die Titel auf), und obwohl diese für Männer wie ihn gemacht zu sein scheinen, er zahlreiche Tipps verinnerlicht hat und nicht müde wird, jene permanent kundzutun, prallen sie an seiner Realität ab. Jürgens Leben ist ein tragikomisches und jeder, der Lust hat mit, und manchmal auch über ihn zu lachen, ist mit Heinz Strunks neuem Werk gut bedient.

Heinz Strunk: „Jürgen“, Rowohlt, Hardcover, 256 Seiten, 978-3-498-03574-7, 19,95 €.  

Kommentar schreiben