Interview mit dem Hamburger Musiker Dirk Darmstaedter

Interview mit dem Hamburger Musiker Dirk Darmstaedter

Dirk Darmstaedter und die intelligente Popmusik als Kunstform

Als Frontmann der Band The Jeremy Days („Brand New Toy“) hat der Hamburger Musiker Dirk Darmstaedter die deutsche Musiklandschaft Ende der 80er und in den frühen 90ern geprägt. Nach dem Bandsplit 1996 folgten bis 2016 13 Solo-Alben, eine Zeitraum, der mit der nun erscheinenden Compilation Twenty Twenty abgeschlossen wird. Sounds & Books-Chefredakteur Gérard Otremba (auch Fotos) traf Dirk Darmstaedter zum Gespräch über das Album und die fast 30-jährige Musikerkarriere.

 

Dirk, am 10.02. erscheint das Album Twenty Twenty, eine Compilation Deiner Solozeit als Musiker zwischen 1996 und 2016. Es befinden sich hierauf ein neuer und neunzehn ältere Songs. Nach welchen Kriterien bist Du bei der Auswahl der zwanzig Stücke vorgegangen?

Das war gar nicht so einfach. Als Leitfaden diente mir dann aber der Song „Pop Guitars“ vom letzten Album Beautiful Criminals, der einen kleinen Ausschnitt meiner popmusikalischen Sozialisation zeigt. Ich als 16-Jähriger höre zum ersten Mal Johnny Marr und mein Leben wird anders, um es verkürzt darzustellen. Ich bin ganz glücklich, dass sich dieser Song so entwickelt hat, denn mir ist der Popgedanke bei meiner Arbeit sehr wichtig. Klar, ich habe auch Singer-Songwriter- und melancholische Folk-Stücke geschrieben, aber ich bin schon ein Verfechter von intelligenter Popmusik als Kunstform. Das ist heutzutage vielleicht nicht mehr en vogue, viele Menschen denken, Popmusik sei scheiße, es müsse Old-Rock oder Independent, oder was auch immer sein. Das ist ja auch alles richtig, aber für mich war es immer wichtig, dass man 3:30 Minuten klare, catchy Popsongs hat. Aber nicht nur catchy, es muss auch was hängen bleiben. Denn so ist in meinem Leben immer gewesen. Es waren die großen Popsongs, die mich im  Moment, aber auch noch dreißig Jahre später erreichten.

Etwas Zeitloses.

Genau, zeitlose, große Popstücke. Und dann hatte ich eben den Song „Pop Guitars“, auf den ich mich fokussierte und der zum roten Faden von Twenty Twenty wurde.

 

Die Songs auf Twenty Twenty sind nicht chronologisch geordnet. War das von Anfang an so geplant, oder ergab sich das während der Auswahl?

Ich wollte auf keinen Fall eine Chronologie. Es ging mir darum, eine gute Reihenfolge zu erstellen, die als Platte einen Sinn ergibt. Die man auflegen und einfach durchhören kann. Dafür habe ich versucht, möglichst viele alte Original-Mixe zu finden. Das war auch nicht einfach. Früher hatte man alles auf Band irgendwo rumliegen und die Bänder halten einfach länger, muss man schockierenderweise festhalten. Ich habe alle mein Platten ordentlich auf Festplatte festgehalten und von den zehn Festplatten funktionierten nur noch drei. Aber ich bin noch an alte Mixe auch von meiner ersten Soloplatte rangekommen und mit neuen Abmischungen ist mir, denke ich, eine schöne Zusammenstellung für Twenty Twenty gelungen.

 

Einer der Songs heißt „1989 Forever“. Was verbindest Du mit diesem Jahr?

Na ja, klar. 1989 war die beatleske Phase unserer Band. Da ging es echt rund, das war schon verrückt. Das Jahr ist für mich gekennzeichnet mit ewigen Tourneen, aber auch Abhängen mit meinen Jungs. Es war schon eine sehr spezielle Zeit. So als Gang wie die Wikinger in die Städte einzufallen und zu denken, die Stadt gehört jetzt uns. Rückblickend betrachtet ist es ein Song an mich selbst, was mir damals beim Komponieren gar nicht klar war. Der Dirk von 2009 (der Song erschien auf dem damaligen Album Life Is No Movie, die Red.) sagt dem jungen Dirk, dass die Zeit nun vorbei ist, dass sie gut war, aber move on. Aber auch mit der Erkenntnis, dass es gar nicht so einfach ist.

Sounds & Books_Dirk Darmsdtaedter live 2016

Ihr habt fünf Platten mit den Jeremy Days gemacht, bevor 1996 der Split erfolgte. Was war der auslösende Grund?

Ich denke, der Grund war der allgemeine Wahnsinn in einer Band zu sein. Zehn Jahre mit den gleichen Jungs in einem Raum zu sein. Ich bin der festen Überzeugung, dass alle guten Bands sich irgendwann im Streit auflösen müssen. Das ist so der Gang der Dinge und das war bei uns dann nicht anders. Es gab jetzt nicht einen speziellem Grund, einen Streit, oder eine Meinungsverschiedenheit. Es war einfach der Punkt, an dem es nicht mehr weiterging. Und so haben alle in der Band gefühlt. Mit meinem ersten Soloalbum kam dann das Gefühl, allein auf der Welt zu sein. Die Band fing einen vorher immer auch auf. Jetzt hieß es Schluss mit lustiger Jungensbande und erwachsen werden. Und da setzt dann die Compilation Twenty Twenty ein, die Zeitreise, ich nenne sie mal Dirk 2.0. Die crazy Phase mit den Jeremy Days ist vorbei, ich stehe allein da und suche meinen Weg in der Welt, sowohl als Mensch als auch als Musiker, der dann in die Tapete-Zeit führt, meine Sturm- und Drangphase,

 

Wie hast Du Dich in dieser Phase persönlich gefühlt?

Diffus. Auf der einen Seite war ich von allen Zwängen und gruppendynamischen Basisdiskussionen befreit. Und wir waren eine Band, ich war nicht der Chef, der bestimmte, wir führten ellenlange sozialdemokratische Gespräche. Auf der anderen Seite war es komisch, nicht mehr die Jungs, die Gruppe, ja, eine Art Familie, die dich letztlich bei allem Ärger auffängt, um sich zu haben. Ich fühlte mich sehr allein.

 

Ein Song auf Twenty Twenty heißt „Number One Single“. Nun hat es weder mit den Jeremy Days noch in den Solojahren zu einem Nummer 1-Hit für Dich gereicht. Bist Du ein selbstironischer Mensch?

Kann schon sein, zuweilen ja. Komischerweise denken die Leute immer noch, „Brand New Toy“ sei mal Nummer 1 gewesen, war aber nur auf Platz elf. Umso erstaunlicher, dass der Song sehr vielen Menschen so wichtig war und sich pophistorisch mit dem Song auseinandergesetzt haben. Und sich heute noch an ihn erinnern, obwohl es damals viel erfolgreichere Songs gab, an die sich keiner mehr erinnert. Wir Songschreiber können unsere Realität ja selbst erfinden und so habe ich einen Song mit dem Titel „Number One Single“ geschrieben. Wenn mich also jemand fragt, „hey, du hattest doch mal diesen einen Nummer Eins-Hit“, kann ich antworten: „Ja, genau.“ Und ich spiele ihn ja auch immer noch.

 

Wenn man sich die Compilation anhört, muss man staunen, dass es eben nicht zu einem Nummer-1-Hit reichte. Hast Du eine Erklärung dafür?

Ich erkläre mir das schon lange nicht mehr und stelle mir diese Frage auch nicht. Ich fühle mich manchmal schon aus der Zeit gefallen. Es ist eine Pop-Platte und Popmusik gehört ins Radio, aber wahrscheinlich gehört meine Musik in eine andere Form von Radio, als die, die wir kennen. Ich konzentriere mich nur auf die Sachen, auf die ich Einfluss habe. Ich versuche also immer, einen noch besseren Song zu schreiben, ihn noch dichter aufzunehmen, wie ich ihn höre und mehr kann ich nicht tun.

Sounds & Books_Dirk Darmsdtaedter live 2016

Wenn Du die letzten 20 Jahre Revue passieren lässt. Was hat Dich positiv geprägt und worauf hättest Du gerne verzichtet?

Das ist zwar schon etwas länger her, aber positiv zu nennen ist auf jeden Fall meine Familie. Ich bin 1991 und 1994 Vater geworden und das war das Beste, was mir passieren konnte. Das hat mein Leben nochmal total umgekrempelt, auch im Hinblick auf meine Arbeit. Ich hatte plötzlich nur noch ein bestimmtes Zeitkontingent für meine Musik und davon zehre ich noch heute. Ich bin ein wesentlich besserer Arbeiter geworden. Dann natürlich all die Sachen, die zunächst als nicht so gute Erlebnisse wahrgenommen worden sind. Dass ich als Künstler von meiner Plattenfirma gedroppt worden bin. Das war eine schmerzhafte Erfahrung, aber daraus ist dann Tapete Records entstanden. Tapete war unglaublich wichtig für mich und ich bin sehr stolz darauf, aber genauso wichtig war für mich auch die Trennung vor vier Jahren und wieder das Alleinsein mit meinen Songs. Einiges hat mich also genervt, woraus dann aber etwas Positives entstanden ist.

 

Du hast die beatleske Phase der Jeremy Days bereits angesprochen. Welche Bands haben Dich damals inspiriert und welche sind es heute?

Letztendlich komme ich da immer auf die Sachen zurück, die mich als kleinen Jungen geprägt haben. Die erste Phase war das Hören der Platten meins Vater. Von Burt Bacharach über Bob Dylan bis hin zu den Beatles, das lief bei uns rauf und runter du ist ganz tief reingegangen. Die zweite ganz wichtige Phase ist die Teenagerzeit zwischen 15 und 18. Und da gab es The Jam, Paul Weller ist ganz wichtig. Lloyd Cole & The Commotions, Aztec Camera, Prefab Sprout, diese ganze ästhetische Post-Punk-Wiederentdeckung des Popsongs, das für mich wahnsinnig wichtig. Lloyd Cole war damals mein Held, mein Leuchtfeuer. Ich habe ich in den 80ern an den Platten von Lloyd Cole und den Smiths hochgezogen.

 

Kannst Du fünf Alben nennen, auf die Du so gar nicht verzichten könntest?

Es gibt mehr als fünf Platten. Aber klar, „Steve McQueen“ von Prefab Sprout, die erste Lloyd Cole-Platte „Rattlesnakes“, natürlich müsste „Blonde On Blonde“ von Bob Dylan dabei sein und eigentlich auch jede Beatles-Platte. Aber auch so komische Sachen, wie „Tom Jones live at Caesers Palace“, eine Doppel-LP, die habe ich nämlich immer gehört, als ich so sechs oder sieben Jahre alt war.

 

Das Magazin, das ich leite, heißt ja Sounds & Books. Hast Du auch einen Bezug zur Literatur? Und verrätst Du uns Deine Lieblingsbücher?

Klar. Zum Beispiel das Buch meiner Jugend, „On The Road“ von Jack Kerouac. Dann ein ebenfalls ganz tolles Travel-Book, das etwas vergessen wird, „Travels With Charly“ von John Steinbeck. Großartig auch „Watermusic“ von T.C. Boyle und „Generation X“ von Douglas Coupland. Aber auch ein neues Buch, nämlich „The Subtle Art Of Not Giving A Fuck“ von Mark Manson, das spricht mir sehr aus dem Herzen. Literatur ist sehr wichtig für mich, ich lese sehr viel.

Sounds & Books_Dirk Darmsdtaedter live 2016

Zurück zur Musik. „Sonny & Cher“ heißt der neue Titel. Was verbindet Dich mit diesem Pop-Duo, wieso „Sonny & Cher“?

Es ist ja kein Song direkt über Sonny & Cher. Es war der Gedanke eines Duetts und so bin ich an den Song rangegangen. Es geht mehr um die Paar-Kombinationen, also Sonny & Cher, Bonnie & Clyde, Sartre und de Beauvoir. Denn eigentlich ist der Song für eine Freundin von mir, selbst ein tolle Sängerin, mit der ich ihn gerne im Duett gesungen hätte. Das war der Hintergrund des Stücks und da lag es nahe, sich mit berühmten Paaren der Geschichte zu beschäftigen. Den Titel „Sonny & Cher“ wählte ich, weil es vom Stil so schön in den Sixties-Pop passt.

 

Du hast eine Platte gemacht, auf der Du Bob Dylan-Songs coverst. Wie schwer ist es, Dylan zu interpretieren?

Nicht schwer. Man muss sich natürlich frei machen vor der Ehrfurcht. Ich habe das Album im Prinzip für mich aufgenommen, weil ich es einfach tun musste, weil ich seit jeher Bob Dylan liebe und schon immer seine Lieder gesungen habe. Ich veranstalte hier in Hamburg regelmäßig meine Hootananny-Abende, auf denen ich komplett andere Sachen mache. Und für den einen Abend nahm ich mir vor, nur Bob Dylan-Stücke zu singen. Ich probte also eigentlich nur für den Abend, hatte dann aber diverse Songs drauf und entschloss mich kurzfristig, sie auch aufzunehmen. Das Album erschien dann aber auch gar nicht richtig offiziell bei Tapete, sondern bei einem eigenen Label Beg Steal And Borrow, weil ich dachte,  das interessiert außer mir und ein paar Hardcore-Dylan-Fans niemanden. Es entwickelte sich dann aber zu einem meiner erfolgreichsten Solo-Alben der letzten zehn Jahre. Und dann spielte ich noch über 45 Konzerte zum Album und das war eine tolle Sache.

 

Du hast 13 Alben in 20 Jahren veröffentlicht, eine stattliche Anzahl, wie ich finde. Wird es in diesem Tempo so weitergehen?

Ich weiß es nicht. Diese Platte stellt für mich schon so eine Art mentale Klammer dar. Die Reise, diese 20 Jahre Dirk 2.0, ist abgeschlossen. Ich weiß nicht, ob ich in zwei Monaten Lust habe ins Studio zu gehen, oder erst in einem Jahr. Ich lasse das alles einmal auf mich zukommen. Und ich weiß auch nicht, wie es dann sein wird. Ich werde sicherlich keinen Industrial-Techno an den Start bringen, aber zum ersten Mal seit ich 18 bin habe ich keinen Plan und fühle mich gut dabei.

 

Vielen Dank für das Gespräch, Dirk!             

Gerne.

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