Interview mit der Hamburger Schriftstellerin und Übersetzerin Isabel Bogdan

Interview mit der Hamburger Schriftstellerin und Übersetzerin Isabel Bogdan

Bestsellerautorin Isabel Bogdan im Gespräch über ein rauschhaftes Jahr 2016

Aufgezeichnet von Gérard Otremba (Beitragsbild: Smilla Dankert)

Mit ihrem Debütroman Der Pfau ist der Hamburger Schriftstellerin und Übersetzerin Isabel Bogdan ein echter Coup geglückt. Das im Frühjahr 2016 bei Kiepenheuer & Witsch veröffentlichte Buch stand insgesamt 42 Wochen in der Bestsellerliste und belegte in den Jahresendcharts einen hervorragenden 25. Platz. Für Sounds & Books lässt Isabel Bogdan das letzte Jahr Revue passieren und schaut schon mal in die Zukunft.

 

Isabel, wie fühlt man sich als „Bestsellerautorin“?

Geil! Das Jahr 2016 war natürlich ziemlich anders als sonst. Normalerweise übersetze ich an meinem Schreibtisch ein Buch nach dem anderen so vor mich hin, und jetzt war ich das ganze Jahr unterwegs. Ich war in über 60 Buchhandlungen, überall war es rappelvoll, und die Menschen kamen, um mich zu sehen. Das ist man als Übersetzerin nicht gewohnt und es gab praktisch das ganze Jahr über super Feedback und Komplimente. Das ist natürlich toll, aber so richtig verarbeitet habe ich es immer noch nicht. Manchmal schaue ich mir das Buch an und denke ‚Das ist nicht wahr. Du hast im Ernst einen Roman geschrieben?‘ Das geht mir noch gar nicht richtig in den Kopf. Und dann sieht es auch noch so toll aus! Es ist irre gut gelaufen, und ich finde es immer noch wahnsinnig schön und stehe immer noch staunend davor. Es ist noch nicht wirklich bei mir angekommen.

 

Wenn Du das Jahr mit einem Wort zusammenfassen müsstest, wie hieße es?

Ein Rausch.

 

Und wenn Du ein paar Sätze mehr hättest?

Ergänzend zu Frage eins kann ich sagen, dass das Jahr 2016 mit einer Schilddrüsengeschichte und einem Bandscheibenvorfall in der Halswirbelsäule begann und da dachte ich: okay, Körper, ich habe verstanden. Ich hatte 2015 auch wirklich zu viel gearbeitet und beschloss, außer der Lesereise nicht viel zu machen. Wenn ich ein paar Tage zu Hause war, habe ich ausdrücklich nichts gemacht, und das war auch gut so. Ein bisschen Bürokram und Kleinigkeiten sind natürlich immer, aber ich habe nicht noch ganze Romane übersetzt.

Ich habe auf der Lesereise so komische kleine Vorlieben entwickelt. Hotelfrühstücke zum Beispiel. Es ist ja nicht jedes Hotel toll, und dann sitzt man da in diesen geschmacklos eingerichteten Frühstücksräumen mit irgendwelchen Geschäftsreisenden, jeder muffelt so in seinen Kaffee und alle müssen gleich wieder zum nächsten Zug. Aber irgendwie habe ich eine bizarre Zuneigung zu diesen seltsamen Frühstücken entwickelt. Oder auch zu anderen unglamourösen Momenten, als ich etwa in Lübeck einen Zug verpasste und nachts eine Stunde bei McDonalds am Bahnhof herumlungern und mich an einer Packung Pommes festhalten musste. Auf eine verdrehte Weise mochte ich das.

 

Du kennst die Buchbranche als Übersetzerin bereits seit einigen Jahren. Hast Du als Schriftstellerin Facetten der Literaturszene kennen gelernt, die Dir vorher nicht bekannt waren?

Der Kontakt zum Publikum, zu den Lesern war jetzt natürlich stärker. Als Übersetzer wird man ja kaum bemerkt. Vermehrt gehen zwar mittlerweile Übersetzer raus und machen Leseveranstaltungen und auch ich war im November einige Male mit den Jane Gardam-Übersetzungen unterwegs, hatte aber das Gefühl, die Buchhändler und Veranstalter haben mich eingeladen, weil sie mich jetzt als Autorin kannten. Das ist zwar super, aber gleichzeitig auch ärgerlich, weil man mich auch in den letzten siebzehn Jahren als Übersetzerin hätte einladen können. Es gibt da draußen großartige Übersetzer, die toll lesen können. Es ist wie bei den Autoren auch, manche lesen gut, andere nicht so gut. Und als Übersetzer können wir ein Buch in allerhöchsten Tönen loben, das kann man als Autor nicht bringen. Als Übersetzer kann man hemmungslos von dem Buch schwärmen und daraus eine Verkaufsveranstaltung machen, das müssten die Buchhändler doch eigentlich super finden.

 

Warst Du sehr überrascht über den Erfolg?

Ja. Dadurch, dass ich den Literaturbetrieb bereits kenne, ist mir sehr klar, wie ungewöhnlich es gelaufen ist und was für ein Riesenglück ich hatte und dass sich das mit dem nächsten Buch vermutlich nicht wiederholen lässt. Im Verlag haben sie sehr schnell von der Bestsellerliste gesprochen, aber ich dachte: haltet mal lieber den Ball flach. Denn wieso sollte das Buch in die Bestsellerliste? Ich bin’s ja nur! Irgendwann werden sie mir auf die Schliche kommen. Und jetzt war Der Pfau insgesamt 42 Wochen auf der Bestsellerliste, damit rechnet doch kein Mensch.

 

Du hast mit 47 Jahren Deinen ersten Roman veröffentlicht. Was hat Dich als Schriftstellerin so lange aufgehalten?

Man wird als Übersetzerin dauernd gefragt, ob man nicht selbst schreiben will. Ich denke, die meisten Übersetzer sind relativ genervt von dieser Frage, weil da immer mitschwingt, Übersetzen sei so etwas wie Schreiben zweiter Klasse. Für Leute, die das „richtige“ Schreiben nicht hinkriegen. Aber so ist es nicht. Es ist einfach eine andere Arbeit, und ich war immer sehr glücklich mit dem Übersetzen. Auch weil ich immer denke, dass mir nichts einfällt, ich habe die klassische Angst vor dem leeren Blatt. Die hat man als Übersetzer nicht, das Blatt ist ja sozusagen schon beschrieben. Man kann kreativ und produktiv mit der Sprache umgehen, aber man muss sich nichts einfallen lassen. Außerdem war ich es als Übersetzerin so sehr gewohnt, die Stimme anderer Autoren nachzuempfinden, dass ich gar nicht gewusst hätte, wie meine eigene Autorenstimme klingt. Dann kam die kluge Katja Lange-Müller und sagte, ‚der Inhalt sucht sich die Flasche aus, in die er gefüllt werden möchte‘. Also, die Geschichte gibt vor, wie sie erzählt werden möchte. Und das war beim Pfau zu 100 Prozent so: Ich habe keine Sekunde darüber nachgedacht, wie es klingen soll, es war von Anfang an klar. Inzwischen glaube ich sogar: dass ich es gewohnt bin, unterschiedliche Tonarten anzuschlagen, hat mir beim Finden meiner eigenen Autorenstimme für diese Geschichte geholfen.

Ich habe übrigens auch gar nicht von Anfang an einen Roman geschrieben. Der Pfau war ursprünglich eine Kurzgeschichte, die ich dann ausgebaut und weitererzählt habe. So hatte ich gar nicht mehr das Gefühl, vor einem leeren Blatt zu sitzen.

 

Hat sich Dein Leben seit der Veröffentlichung von Der Pfau gravierend verändert?

Nein. Ich war im letzten Jahr viel unterwegs, aber ich bin immer noch ich. Das neue Jahr wird jetzt wieder etwas ruhiger, es kommen noch ein paar Lesungen, aber nicht mehr so viele, und dann übersetze ich einen Erzählband von Jane Gardam.

 

Der Pfau stand auf der Shortlist für das Lieblingsbuch des unabhängigen Buchhandels. Auch wenn er nicht gewonnen hat, bedeutet es Dir viel, in einer solchen kleinen Auswahl gestanden zu haben?

Total. Ich war richtig gerührt. Der Pfau ist sicherlich kein Roman für die klassischen Literaturpreise. Aber „Lieblingsbuch der unabhängigen Buchhändler“ finde ich ein unglaubliches Kompliment. Ich habe viele Buchhändler kennengelernt, und das sind alles wunderbare, engagierte und belesene Menschen, und da zu den fünf Lieblingsbüchern zu zählen, hat mich wahnsinnig gefreut. Ich war sehr stolz und habe mich geehrt gefühlt. Das war ja eine demokratische Abstimmung unter Buchhändlern und hat nicht zufällig ein paar Juroren gefallen. Und das fand ich absolut wunderbar.

 

Der Pfau ist ja ein sehr heiterer Roman, mit englischem Humor. Worüber kannst Du persönlich lachen?

Über eher leisen Humor und feine Ironie. Ich bin kein Fan von auf Pointe geschriebenen Texten mit Schenkelklopferwitzen. Witze finde ich meistens nicht lustig. Ich stehe mehr auf skurrile Ideen.

 

Und was macht Dich traurig?

Das klingt jetzt vielleicht ein bisschen abgedroschen, aber die Weltpolitik macht mir Sorgen. Wenn ich mir den Rechtsruck auf der ganzen Welt anschaue, oder wenn ein Mann wie Trump Präsident der USA wird, das macht mich so hilflos. Weil ich keine Ahnung habe, wie man dagegen ankommt. Liebe und Bildung für alle. Aber das ist eine langwierige Angelegenheit.

 

Du bist nicht nur Übersetzerin und Schriftstellerin, sondern auch Bloggerin. Verfolgst Du regelmäßig andere Blogs?

Im letzten Jahr viel zu wenig. Ich habe auch selbst nicht so viel gebloggt. Vieles hat sich auf Facebook verschoben. Die meisten Blogger, denen ich folge verlinken ihre Einträge auch auf Facebook, da habe ich dann alles an einem Ort.

 

Gibt es fünf Bücher, auf die Du nicht verzichten möchtest? So eine Art Best-Of?

Sowas finde ich immer schwierig, da müsste ich jetzt erstmal nachdenken. Wenn mir jetzt fünf Lieblingsbücher einfallen, sind es nächste Woche wieder fünf andere. Aber mein Lieblingsbuch des Jahres 2016 kann ich nennen, das ist „Und doch ist es Heimat“ von Jochen Metzger. Es geht um die letzten Kriegstage in einem Dorf in Baden. Die Schilderungen sind nicht immer schön, aber es ist wahnsinnig gut geschrieben und hat mich letztes Jahr am meisten beeindruckt.

 

Hast Du so etwas auch für die Musik anzubieten?

Ja, ich habe die Platte des Jahres zu Weihnachten geschenkt bekommen und das ist das Album Grande von Von wegen Lisbeth. Sehr witzig, sehr eingängig, gut tanzbar, die waren bisher irgendwie an mir vorbeigegangen, obwohl sie absolut in mein musikalisches Beuteschema passen. Das Konzert des Jahres war Tim Fischer im St. Pauli-Theater.

 

Ist denn ein neues Buch in Planung?

Ich muss jetzt erst mal übersetzen und dann will ich etwas Neues schreiben. Es wird anders als der Pfau, ernster. Der Humor im Pfau ist natürlich schon meiner, den werde ich jetzt nicht ausknipsen.

 

Mit Dialogen?

Nein, es wird ein innerer Monolog. Aber sehr gute Frage, denn als Übersetzerin bilde ich mir immer was auf meine Dialoge ein. Ich glaube, in wörtlicher Rede bin ich gut. Und was mache ich? Schreibe einen Roman, der komplett in indirekter Rede ist und der nächste wird ein innerer Monolog. Vielleicht muss ich als Drittes dann ein Theaterstück anpeilen, da hat man nur wörtliche Rede.

 

Der Pfau liest sich auch ohne Dialoge sehr gut, insofern kann man da mal darauf verzichten.

Es war tatsächlich auch nicht planmäßig so angelegt mit der indirekten Rede. Ich habe, als ich die Kurzgeschichte schrieb, gemerkt, dass ich diesen  Sound, den ich möchte, unter anderem durch indirekte Rede herstelle. Und als mir das aufging, habe ich gedacht: dann versuche ich doch mal, das durchzuhalten, beziehungsweise schaue mal, ob es auf Dauer nervt. Aber ich fand, es funktioniert gut.

 

Bist Du ein optimistischer Mensch?

Auf jeden Fall! Aber das heißt nicht, dass ich hohe Erwartungen hätte. Ich habe nicht damit gerechnet, dass das mit dem Pfau so abgeht. Da war ich eher zweckpessimistisch. Aber ansonsten bin ich auf jeden Fall ein optimistischer Mensch. Ich nehme an, dass das teilweise Veranlagung ist, teilweise aber auch damit zusammenhängt, dass ich immer Glück im Leben hatte. Ich habe keine schweren Krankheiten, ich bin nie ausgeraubt oder betrogen worden und stehe den Menschen und dem Leben erst mal positiv gegenüber.

 

Sehr schön, vielen Dank für das Interview!  

Kommentar schreiben