Conor Oberst: Ruminations – Album Review

Conor Oberst: Ruminations – Album Review

Nach Schreiblockade ist Conor Oberst wieder so gut wie zu seinen besten Zeiten

Dass ausgerechnet ihn mal eine Schreibblockade erwischen würde, war nicht abzusehen. Im Laufe seiner nun auch schon gut 20 Jahre währenden Karriere war Conor Oberst stets als Ideenmaschine bekannt, als jemand, dem die Worte und Gefühle nicht auszugehen scheinen. Genau das aber passierte im letzten Winter in Omaha/Nebraska. Oberst hatte im letzten Jahr das tolle Comeback-Album „Payola“ seiner Punk-Band Desaparecidos eingespielt, eine lärmende, instinktgesteuerte Party-Nostalgia. Nun aber, wieder alleine mit sich und dieser Welt, die ihm immer noch ein Rätsel zu sein scheint, fiel ihm das Ummünzen in Musik erstmals schwer. Es brauchte einen Schlafentzug, um den Knoten platzen zu lassen. Oberst versagte sich dem Schlaf, starrte aus dem Fenster und beobachtete die unablässig herabfallenden Schneeflocken.

Und plötzlich geschah es: Wie im Rausch schrieb er Melodien und Textzeilen und nahm sie auf. Nur mit Piano oder Akustikgitarre. Ohne Schnickschnack. Pur, wie in den Anfangstagen. Und das alles in schlaflosen 48 Stunden. Das Ergebnis ist überwältigend. Auf „Ruminations“ macht Oberst sich nackt bis aufs Herz – schonungslos, ungeschönt, und verletzlich. Seine Texte sind diesmal dunkler als sonst. „Gossamer Thin“ etwa. Und mehr noch „Counting Sheep“, das in Townes Van Zandtscher Manier die erdrückende Bedeutungslosigkeit eines nach Vorgaben anderer gestalteten Lebens thematisiert: „Early to bed, early to rise, acting my age, waiting to die“. Conor Oberst hat Kummer. Er leidet, verzweifelt, grübelt. „Ruminations“ heißt ja auch „Grübeln, Nachsinnen“.

Versöhnlicher geht es auf dem schönsten Song des Albums zu. In „Next Of Kin“ erzählt Oberst seine eigene Geschichte. Es ist eine Rückschau als Er-Erzähler. Eine wundervolle Melodie und die Dylan-Mundharmonika geben dem Song einen Funken Wärme. Mit „Ruminations“ schließt sich im Werk des Conor Oberst ein Kreis. Er ist nun 20 Jahre älter und ein wenig weiser. Den Hang zur Hysterie, in die ihn manche Songs zu treiben vermochten, hat er weitgehend gezähmt. Was bleibt, ist diese Ehrlich- und Unmittelbarkeit, zu der nur wenige den Mut aufbringen. Und diese packt er heute wieder in Songs, die gerade deshalb wirken, weil sie an allem spart, was von ihrem Kern ablenken könnte.

„Ruminations“ vonConor Oberst ist am14.10.2016  bei Nonesuch/Warner erschienen. 

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