Wilco: Schmilco – Album Review

Wilco: Schmilco – Album Review

Eine scheinbar undurchdringliche Schönheit, die sich nach mehreren Anläufen offenbart

von Gérard Otremba

Es ist wirklich erstaunlich, auf welch hohem Niveau die Band Wilco seit 20 Jahren musiziert. Längst spielen Jeff Tweedy, John Stirratt, Glenn Kotche, Mikael Jorgensen, Nels Cline und Pat Sansone in einer eigenen Liga, aber es wird einem nie langweilig ob ihrer Dominanz. Immer wieder lässt sich das Sextett um Sänger und Songwriter Jeff Tweedy neue Finessen und Strukturen einfallen, um die Spannung hochzuhalten, Geniestreiche wie Summerteeth, Yankee Hotel Foxtrott, A Ghost Is Born und Sky Blue Sky und The Whole Love zeugen von der Ideenvielfalt und steten Entwicklung der Chicagoer Formation, die seit gut zehn Jahren in derselben Besetzung zusammenspielt.

Jeff Tweedy vereint die besten Seiten von den Beatles und Bob Dylan, überführt deren Genius in die Neuzeit und beherrscht die ganze Bandbreite von pittoresken Popminiaturen, über kernig-knarzenden Rock’n’Roll, bis hin zu dramatisch-epischen Gitarrenauswüchsen. Für Alben wie Wilco (The Album) oder Star Wars würden andere Künstler ihre Seele dem Teufel verkaufen, bei Wilco gibt es aber leichte Abzüge in der B-Note, weil entweder zu selbstverliebt, oder für Wilco-Verhältnisse zu sperrig. Dienten einige Stücke auf Star Wars noch der Wilco-Kunstfertigkeit in diversen Rocksparten, so erschließt sich Schmilco wie eine innere Einkehr, eine dunkle, mithin im Folk und Country verhaftete. Tweedy sinniert im minimalistischen Opener über die „Normal American Kids“ und seinen Hass auf eben jene, zu einer Zeit, als er selbst einer war. In der Instrumentierung immer noch sparsam, reduziert und leise entpuppt sich „If I Ever Was A Child“ als ein wehmütiges Folk-Pop-Stück, gegen das „Taste The Ceiling“ vom Star Wars-Album heiter und sonnig erscheint. Im zurückhaltenden Galopp, mit schimmernden Orgelklängen und präzisem Schlagzeugspiel, reitet „Cry All Day“ voran, während das sinistere „Common Sense“ mit artifiziellen Brüchen verwirrt.

Wesentlich heller wird es im bluesigen und zerstörten „Nope“ auch nicht wirklich, erst „Someone To Lose“ offeriert ansatzweise Licht und Luft. Der Titel „Happiness“ führt natürlich in die Irre, besingt Jeff Tweedy doch seine verstorbene Mutter und das anschließende „Quarters“ brilliert mit einem filigranen und dezenten Arrangement. „Locator“ beamt sich in die späten 60er Jahre, die Beatles-Spur aufgreifend, die im verstörenden, schwermütigen und überragenden „Shrug And Destroy“ neue Blüten treibt. Fast so etwas wie eine gewisse Unbeschwertheit mag man in „We Aren’t The World (Safety Girl)“ heraushören, könnte aber auch täuschen. Traumverloren verabschiedet sich Jeff Tweedy dann mit „Just Say Goodbye“ von uns und macht es einem selbstverständlich nicht leicht. Schmilco entfaltet seine scheinbar undurchdringliche Schönheit erst nach mehreren Anläufen, und für diesen Genuss lohnt sich das Warten. Ein Wilco-Meisterwerk, ja, allein es fehlt ein Stück weit die Pop-Eleganz.

„Schmilco“ von Wilco erscheint am 09.09.2016 bei dBpm / Anti.   

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