Bodo Kirchhoff: Widerfahrnis

Bodo Kirchhoff: Widerfahrnis

Eine ruhige, anmutige und altersmilde Novelle

von Gérard Otremba

Einst besaß Reither den gleichnamigen Kleinverlag und eine angeschlossene Buchhandlung in Frankfurt. Als er merkte, „dass es allmählich mehr Schreibende als Lesende gab“, hat er seinen Job aufgegeben, sich als Rentner fernab vom Großstadtrummel in der Berge, ins Weissachtal, zurückgezogen, über Manuskripte und alte Zeiten sinnierend. Just nachdem er in seinem Appartement ein ihm unbekanntes, scheinbar titelloses, kaum fünfzig Seiten langes Büchlein entdeckt, klingelt es an seiner Tür. Reither gegenüber steht „die treibende Kraft des Lesekreises“ der Wallberg-Appartements, die er nach einem faszinierenden, minutenlangen Tête-à-Tête unter So-gut-wie-Unbekannten doch noch in seine Wohnung bittet und plötzlich „Damenbesuch“ hat.

Leonie Palm nannte früher ein Hutgeschäft ihr Eigen, strich jedoch ebenfalls die Segel wie einst Reither mit seinem Verlag. Spontan beschließen die beiden, eine kleine Spritztour in die Nacht hinein, „zum Achensee, ein Stückchen nach Süden“ mit Palms seit längerer Zeit nicht benutzten Wagen (mit Musik von Paul Anka aus dem Autokassettenradio) zu unternehmen. Allein, dabei bleibt es nicht. Sie fahren weiter, über die Alpen, „über alle Berge“ nach Italien, des Deutschen Sehnsuchtsland von Goethe bis zu den Toskana-Aussteigern in den 70er Jahren, ja, bis hinunter nach Sizilien führt der Road-Trip die beiden, hinein in ein italienisches Frühlingsglück.

Schnell stellt sich heraus, dass Leonie Palm die Verfasserin des schmalen Bändchens ist, in dem sie erzählerisch den Tod ihrer Tochter verarbeitet. Ein ähnliches Schicksal ereilte vor vielen Jahren Reither selbst, als er und seine damalige Freundin Christine sich für einen Schwangerschaftsabbruch entschieden und er ad hoc von ihr verlassen worden ist. Eine kurze Zeit der Elternschaft beginnt für die zwei, als sie sich eines Flüchtlingsmädchens annehmen. Für Reither und Palm entwickelt sich ihre Widerfahrnis zu einem Ausbruch aus dem Alltag, zu einer Reise zu sich selbst, die von Bodo Kirchhoff leise, unaufdringlich und aufmerksam erzählt wird. Der 1948 geborene Frankfurter Schriftsteller zeigt in seiner Novelle Widerfahrnis, dass ein Leben abseits von Trubel und Hektik sehr gut möglich ist (moderne, scheinbar überlebenswichtige Erfindungen wie das Smartphone spielen im Leben von Reither und Palm überhaupt keine Rolle). Es sind die kleinen vignettenartigen Passagen, die den Leser berühren, wärmen und manchmal erheitern.

Zum Beispiel Reithers Traum von einer Schriftstellerkarriere während seiner Buchhändlerausbildungszeit („Schon mit zwanzig hatte er diese Aura gehabt und war ihr selbst erlegen; der Lehrling in einer Buchhandlung sah sich in der hintersten Ecke eines Nachtcafés mit Zigarette im Mund, eine Hand im Haar, wie er da mit Bleistift in winziger Schrift etwas in ein Notizheft schreibt, und in den frühen Morgenstunden ist eine ganze Erzählung fertig, wie Kafkas Urteil in nur einer Nacht.“), oder seine veränderte Lebenswahrnehmung nach der intensiven Begegnung mit einer nigerianischen Flüchtlingsfamilie („Er kam einfach nicht umhin, auf diesem verlassenen Platz mit den schwärzlichen Treppenstufen zum Wasser, der Meerenge, ein biblisches Bild aus Kinderzeiten zu sehen, auch wenn in der Decke ein Mädchen lag, kein erstgeborener Sohn, und Taylor ein Fischer war, kein Zimmermann; und er kam auch nicht umhin, diesen Fischer zu beneiden, was ja absurd war, kaum zu glauben, ein Gefühl, das er so noch nie erlebt hatte – seine Bekannten mit Ehe und Kinderglück, die Kleinen dumpf vor dem Smartphone am Esstisch, da hatte sich nichts gerührt in ihm, aber diesen jungen Mann auf der Flucht, den beneidete er um sein Leben ohne Dach und ohne Bett, ohne Konto und ohne Fürsprache, mit nichts in der Hand außer Frau und Tochter und dem eigenen Mut.“).

Widerfahrnis von Bodo Kirchhoff ist eine ruhige, elegante, glücksuchende Novelle, melancholisch, traurig und tröstlich, durchströmt von Altersmilde, Weisheit und Anmut. Und eine schöne Liebesgeschichte. Hier widerfährt einem Gutes.

Bodo Kirchhoff: „Widerfahrnis“, Frankfurter Verlagsanstalt, Hardcover, 224 Seiten, 978-3-627-00228-2, 21 €.

Buchpreisbloggerkollege Tobias Nazemi hat auf buchrevier ebenfalls über Widerfahrnis geschrieben.

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