Die Buchpreisblogger kommentieren die Longlist des Deutschen Buchpreises 2016

Die Buchpreisblogger kommentieren die Longlist des Deutschen Buchpreises 2016

Gesammelt und aufgezeichnet von Gérard Otremba

Gestern ward sie nun also endlich bekannt gegeben, die Longlist des Deutschen Buchpreises 2016. Jeder literaturaffine Mensch hat eine Meinung zur Longlist, wir sechs Buchpreisblogger natürlich sowieso und erst recht. In diesem Beitrag findet ihr unsere Kommentare.

Was also sagst Du zur Longlist des Deutschen Buchpreises, Jacqueline Masuck von masuko13?

„Auf den ersten Blick war da eine große Freude, weil ich „Widerfahrnis“ entdeckt habe. Beim zweiten Blick war meine Freude schon gedämpfter. Wo ist eigentlich Juli Zeh mit “ Unterleuten“ oder sind Autoren wie Shida Bazyar, Abbas Khider und Rasha Khayat? Nun hoffe ich einfach sehr, noch das eine oder andere Buch aus den Neuerscheinungen vom Herbst 2016 für mich zu entdecken.“

Wie sieht es denn bei Dir aus, Tobias Nazemi (buchrevier)?

„Wieder mal zeigt die Zusammensetzung der Longlist, dass es nicht primär darum geht, den besten Roman des Jahres zu küren. Es geht um Aufmerksamkeit für Titel, die nach Meinung der Jury mehr davon bekommen sollten. Es geht um strategisches Kalkül und es geht um die Akzeptanz eines Preises, der vom Literaturbetrieb nicht als langweilig und vorhersehbar betrachtet werden darf. Daher war ich von der Longlist zunächst ein wenig enttäuscht. Aber die Enttäuschung ist relativ bald der Vorfreude auf viele neue, unbekannte Titel gewichen. Und jetzt kann ich es kaum erwarten, endlich mit dem Longlist-Lesen loszulegen.“

Okay, vielen Dank, Tobias. Wir schalten nach Lübeck, denn dort ist uns Sophie Weigand von Literaturen zugeschaltet. Hallo Sophie, darf ich nun um Deine Einschätzung bitten?

„Eine Longlist, die einerseits überraschend (z.B. mit Michelle Steinbeck), aber andererseits auch konventionell und ziemlich erwartbar ist (mit Sibylle Lewitscharoff, Peter Stamm und Bodo Kirchhoff). Thematisch scheinen sich viele Romane um Familiengeschichten zu drehen, um Ausstiege aus zu eng gewordenen Leben, um Flucht. Mit Gerhard Falkners „Apollokalypse“ gibt es auch den typischen experimentellen Intellektuellenroman, für den man ein gerüttelt Maß Sitzfleisch gut brauchen kann. Ich bin ganz froh darüber, dass die Liste schließlich doch so anders ausgefallen ist als viele bereits im Vorfeld prophezeit haben: keine Juli Zeh, kein Christian Kracht, keine Karen Duve. Alles andere wird sich mit der Lektüre zeigen. Ich freue mich u.a. auf Anna Weidenholzer, Reinhard Kaiser-Mühlecker, Katja Lange-Müller und Thomas Melle. Manche werfen der Jury nun vor, sie habe den Geheimtipps den Vorrang gegeben, um sich als besonders exklusiv darzustellen. Hätten sie all die großen Namen versammelt, hätte man sie langweilig und uninspiriert geschimpft.“

Irgendwo in Flandern hängt Jochen Kienbaum (lustauflesen.de) rum, die Verbindung ist zeitweise gestört, aber ich denke jetzt geht’s. Jochen, bitte!

„Ja, ich befinde mich auf einer Pressereise in Flandern und Holland, im Gastland der diesjährigen Buchmesse mit einem vollen, ganztätigen Programm. Ich stehe zunächst etwas ratlos vor der Longlist, hatte aber noch keine Zeit, mir diese dezidiert anzuschauen. Ich äußere mich demnächst dazu.“

Gut, Jochen, noch viel Spaß weiterhin auf der Reise. Nun versuchen wir Herbert Grieshop (Herbert liest!) zu kontaktieren, der sich mit Büchern der Longlist ausgestattet in den Tiroler Bergen verkriecht. Dort scheint der Empfang noch schlechter als in Flandern zu sein. Herbert kannst Du mich hören? Doch, ja, es funktioniert. Herbert, it’s your turn!

„Zuerst einmal: Bin ich froh, daß ich nicht die 150+ Liste auf 20 reduzieren musste! Ich habe bisher genau ein Buch auf der Longlist gelesen, nämlich Joachim Meyerhoffs unfassbar komische Erzählungen über seine Großeltern und die Schauspielschule in München. Aber Meyerhoff braucht den Preis ja nicht, weil er eh schon so so erfolgreich ist. Besonders gespannt bin ich auf das neue Buch von Sybille Lewitscharoff, weil die immer so herrlich schräg ist, neugierig bin ich auch auf Thomas von Steinaeckers Science Fiction-Roman, von dem mir vorletztes Wochenende ein Freund mit größter Intensität erzählt hat. Und dann sind da noch 17 weitere Bücher: einschüchternd, aber auch großartig. Aber mein Favorit steht schon fest: siehe oben!“

 

Vielen Dank, liebe Kolleginnen und Kollegen, das war doch schon sehr aufschlußreich. Die Etikette „Intellektuellenroman“ für den Falkner kann ich bestätigen, die ersten 50 Seiten sind aber auf jeden Fall schon mal ein großer Spaß. Ich gebe zu, Juli Zeh, Matthias Hirth und Andreas Maier zu vermissen, aber das gehört letztendlich dazu. Ich denke, der Jury ist eine ausgewogene Mischung aus wichtigen zeitgenössischen Autoren wie Peter Stamm, Bodo Kirchhoff, Michael Kumpfmüller, Arnold Stadler Thomas von Steinaecker und Sibylle Lewitscharoff, sowie noch unbekannteren Kollegen wie Reinhard Kaiser-Mühlecker, Hans Platzgumer, André Kubiczek, Michelle Steinbeck und Anna Weidenholzer gelungen. Auffällig die Verlagsproportion mit fünf Titeln aus dem S. Fischer Verlag und keinem von Hanser. Und doch ist es eine spannende, interessante und bunte Longlist. Das wird ein großes Vergnügen!

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