Marissa Nadler: Strangers – Album Review

Marissa Nadler: Strangers – Album Review

Auch mit Strangers verzaubert die amerikanische Songwriterin

von Gérard Otremba

Marissa Nadler verzückte ja schon mit ihrem letzten Album. Die Eleganz und Schönheit ihrer Musik auf July war kaum auszuhalten und selbstverständlich belegte die in Boston lebende Songwriterin folgerichtig eine Top-Ten-Platzierung in den damals hier vorgestellten Jahrescharts. Die atmosphärische Dichte von July hat die 35-jährige Marissa Nadler auf Strangers hinübergerettet. Es ist wieder ein höchst emotionales Album geworden, Einsamkeit, Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit noch immer die treibenden Motive, in ihren Texten malt Nadler alptraumhafte, ins surreal-apokalyptisch driftende Landschaften. Das alles mag natürlich sehr desillusionierend wirken, die musikalische Umsetzung jedoch birst wieder vor Anmut und Grazie.

Allen voran ist es Marissa Nadlers feenhafte, traumhaft schöne Stimme, die Strangers zu einem Erlebnis der Extraklasse macht. Das Piano zum Opener „Divers Of The Dust“ macht den Anfang, Nadlers Stimme schwebt überirdisch, intim, verführerisch und fragil. Ein verträumt und verloren wirkender Gitarrenakkord mischt sich bei „Katie I Know“ in den sanften Schlagzeug-Groove, zarte Streicher und Nadlers bezirzender Gesang entführen den Hörer in eine Welt der absoluten Ästhetik. Man möchte sich den Songs auf Strangers stundenlang hingeben. Dem mystischen Folk in „Skyscraper“, dem gespenstischen und vergleichsweise opulent arrangierten, über sechs Minuten dauernden „Hungry Is The Ghost“, oder dem zauberhaften, in barmender Melancholie badenden „All The Colours Of The Dark“. Dunkelheit evoziert auch der Americana-Folk-Noir im Titelsong „Strangers“, während das fließende „Janie In Love“ im Chorus pathetisch bis bombastisch wirkt, wie ein aufgekratzter, rauschhafter Song von Mazzy Star.

Und das ist stark, ganz stark. „Waking“ wiederum gebiert sich als verwunschene, dunkle und schwermütige Folk-Ballade, „Shadow Show Diane“ so reduziert und intim wie möglich, „Nothing Feels The Same“ getragen, würdevoll, mit Orgel, verhaltenem Schlagzeug und Gitarrenakkorden, die den Himmel auf die Erde holen. Strangers endet mit dem Gitarren-Fingerpicking-Folk von „Dissolve“, Marissa Nadlers Gesang nochmal rein und betörend wie auf dem gesamten Album. Und ähnlich wie beim Vorgängeralbum July sind wir auch von Strangers völlig hingerissen.

„Strangers“ von Marissa Nadler erscheint am 20.05.2016 bei Bella Union / PIAS Cooperative.

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