Trümmer: Interzone – Album Review

Trümmer: Interzone – Album Review

Die Hamburger Band Trümmer grüßt aus der rauschhaften Interzone

von Gérard Otremba

Mit ihrem selbstbetitelten Debütalbum setzte die Hamburger Indie-Rock-Band Trümmer ein erstes musikalisches Ausrufezeichen ihrer Karriere und sicherte sich als Newcomer sofort den ersten Platz der hier alljährlich aufgeführten  Jahrescharts. Ein Album, das den sogenannten Diskurs-Pop neu anfachte, darüber hinaus jedoch den Tanz und den Rausch nicht vernachlässigte. Sänger, Gitarrist und Texter Paul Pötsch bettete griffige und gesellschaftsrelevante Parolen und Slogans in seine aussagekräftigen und markanten Lyrics, die auf Interzone die politischen Botschaften reduzierter behandeln und sich der gefühlsbetonten Seite hinwenden. Dem gefühlsbetontesten Polit-Rocker schlechthin huldigen Trümmer dann konsequenterweise im Song „Nitroglyzerin“: „Lass uns unsterblich werden, bevor wir sterben, wie Rio Reiser von den Scherben“.

Auf der ersten Platte fragte Pötsch kokett „Wo ist die Euphorie?“, gefunden hat er sie „somewhere in between“, in der Zeit zwischen Nacht und Morgen, zwischen Rausch und Schlafentzug, in der Interzone. Reduzierung von Slogans heißt nicht, dass Trümmer ihre Haltung verloren hätten, nein, ganz und gar nicht, wie der dunkle, fiese Rap-Rock „Europa Mega Monster Rave“ zeigt, in dem sich Pötsch mit der Idee des geeinten, aber bröckelnden Europas auseinandersetzt. Nachdem der treibende Punk-Rock-Song „05:30“ bereits auf Konzerten der Euphorie-Tour zu hören war, hatte man schon mit einer Hinwendung zu eben mehr Punk-Rock gerechnet, aber Paul Pötsch, Bassist Tammo Kasper, Schlagzeuger Max Fenski und der nun fest zu Band gehörende Gitarrist und Produzent Helge Hasselberg überraschen mit einem groovenden New Wave-Disco-Post-Punk im Eröffnungssong „Wir explodieren“, der wie ein richtig guter Hit von Blondie daherkommt.

Paul Pötsch feiert „die Kinder, vor denen uns die Eltern warnten“, sie „explodieren in den allerschönsten Farben“ und es ist doch gut zu wissen, dass die Jugendkultur lebt und zu feiern weiß. Später verpasst Pötsch den Mainstream gewordenen Ansichten einen Denkzettel („Ich kann und will mich nicht mehr optimieren“) und grüßt aus der Interzone („Ich hab leider keine Zeit, verzweifelt zu sein“), jenem Schattenreich, den der Beat-Poet William S. Burroughs in seinem Roman  Naked Lunch klassifizierte. Aus einem Kosmos, in dem sich die „Dandys im Nebel“ „Wie betrunkene Astronauten“ bewegen.

Es sind zwei der stärksten (Indie-Pop-Rock)Songs auf Interzone (neben „Wir explodieren“, „Grüße aus der Interzone“, „Nitroglyzerin“ und „Wozu noch Angst“), die saloppe und legere Coolness des ersten Trümmer-Albums tritt hier deutlich zutage, gepaart mit einer Sehnsucht nach einer Welt jenseits gesellschaftlicher Normen („Wir tanzen aus der Reihe, die Lage ist verzwickt, das war schon immer so, man hält uns für verrückt“). Auf Interzone ist „jedes Wort ein Versprechen“ und Trümmer lösen die Versprechen mühelos ein. Ob sie am Ende des Jahres wieder die Jahrescharts bei Sounds & Books anführen werden, steht noch nicht fest, für eine  Spitzenposition ist Interzone allemal gut genug und dementsprechend ein ganz famoses zweites Album des Hamburger Quartetts. Die Sterne leuchten auf Interzone sehr hell.

 „Interzone“ von Trümmer erscheint am 29.04.2016 bei PIAS.

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