Tindersticks: The Waiting Room – Album Review

Tindersticks: The Waiting Room – Album Review

Die Tindersticks-Schönheit im zweiten Anlauf

von Gérard Otremba

Den Zugang zum neuen Tindersticks-Album werden auch altgediente Fans nicht so einfach finden. Nein, The Waiting Room erschließt sich nicht sofort und ist doch 100 Prozent Tindersticks. Andererseits, eine gewisse Sperrigkeit oblag auch schon den Großtaten der frühen Jahre. Eine Olympiade ist nun wieder vergangen, seit Stuart A. Stapels mit seinen Tindersticks das letzte offizielle und überragende Studio-Album „The Something Rain“ veröffentlichte. Die zwischenzeitlich etwas ins Wanken geratene Magie war wieder ganz und gar ausgeprägt und sie offenbart sich auch auf The Waiting Room, wenngleich dezenter.

Eine zarte französische Melancholie entfaltet sich im Eröffnungsstück „Follow Me“, ein kleines Melodica-Warmspielinstrumental, bevor Staples‘ verzerrter Gesang in „Second Chance Man“ Verwirrung stiftet. Der sanfte, mäandernde Funk-Groove von „Were We Once Lovers?“ versetzt den Hörer in eine Art verstörenden Trancezustand, während die Tindersticks-Duett-Tradition mit „Hey Lucinda“ (mit der 2010 verstorbenen französischen Sängerin Lhasa de Sela als Gesangspartnerin) und „We Are Dreamers!“ (mit Jehnny Beth von Savages) fortgeführt wird. Ersteres lieblich, verträumt und unendlich traurig, Letzteres flirrend, dramatisch, alptraumhaft und abgründig. In „Help Yourself“ triumphieren dann Jazz-Bläser, zu einem typischen Tindersticks-Sprechgesang-Stück mutiert „How He Entered“ und im Titelsong bleibt mal wieder die Zeit für knapp fünf Minuten stehen (ein immer wiederkehrendes Tindersticks-Phänomen), wenn Staples zu einer leisen Orgel den Text in Zeitlupe singt.

Zwei weitere Instrumentals (das schräg-besinnliche „This Fear Of Emptiness“ und das liebreizende „Planting Holes“) dienen zwischenzeitlich als Fingerübungen und stilvolle Überleitungen und nach dem aufsehenerregenden „We Are Dreamers!“-Duett mit Jehnny Beth klingt The Waiting Room mit der schönen Pop-Noir-Romantik von „Like Only Lovers Can“ aus. Denn das zeichnet den Tindersticks-Kosmos schließlich aus, die Liebe und die Romantik. Dunkler und schwermütiger zwar als bei anderen Bands, aber immer intensiv, berauschend und soulful. Ja, man benötigt zwei, vielleicht auch drei oder vier Anläufe, doch dann präsentiert sich die Tindersticks-Schönheit auch auf The Waiting Room im vollen Glanz.

„The Waiting Room“ von Tindersticks ist am 22.01.2016 bei City Slang erschienen.

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