Bob Dylan live in Hamburg – Konzertreview

Bob Dylan live in Hamburg – Konzertreview

Als lässiger Crooner präsentiert sich Bob Dylan bei seinem Konzert am 09.11. in der Hamburger Sporthalle

von Gérard Otremba (Foto: Karsten Jahnke GmbH)

Und wieder sind zwei Jahre ohne ein Bob Dylan-Konzert in Hamburg vergangen. Im Oktober 2013 beehrte der Meister aus Duluth, Minnesota, für zwei Konzerte die Hansestadt, seitdem suchte er sich norddeutsche Städte wie Flensburg oder Rostock für seine Gigs auf der Neverending-Tour aus. Nun endlich wieder die schöne Elbestadt und dann ausgerechnet die Alsterdorfer Sporthalle, die bereits beim Tocotronic-Konzert unlängst an dieser Stelle in den Schlagzeilen stand. Erstaunlicherweise funktioniert die Sporthalle in bestuhlter Form beim Bob Dylan-Konzert, obwohl nicht ganz ausverkauft, ausgezeichnet.

Es gab schon Dylan-Auftritte, die erstaunlicherweise um 20:05 Uhr oder gar erst um 20:13 Uhr begannen, doch das passiert in der Sporthalle nicht. Wohl so ziemlich auf die Sekunde exakt um 20 Uhr gehen die Lichter aus und der Meister betritt mit seiner Band kaum sichtbar die Bühne. In den kommenden gut 100 Minuten verfolgen die Besucher die nächste Wandlung des wandlungsfähigsten Rock-Künstlers aller Zeiten. „Zu viel Sinatra“ und „Ich wollte doch die alten Hits hören“, hörte man nach dem Auftritt auf den Gängen, doch Best-Of-Konzerte gibt Dylan doch sowieso nicht und seine letztes reguläres Studioalbum heißt nun mal Shadows In The Night und ist eine Ansammlung von Coverversionen des großen Interpreten Frank Sinatra.

Eine Platte, die die Fangemeinde spaltet, seiner Stimme taten diese Aufnahmen mehr als gut und das bestätigt der 74-jährige Dylan während seiner Interpretation von „What’ll I Do“, „Melancholy Mood“, „I’m A Fool To Want You“, „Why Try To Change Me Now“, „The Night We Called It A Day“ „All Or Nothing At All“ und „Autumn Leaves“. Wie geölt klingt Dylans Organ, die Texte klar zu verstehen und in lässiger Crooner-Manier steht er am Mikro, um in sehnsuchtsvoller, trauriger und romantischer Herzensbrecher-Manier unendlich viel Melancholie zu verbreiten. Teilweise nah am Kitsch, aber dort war er mit Songs wie „Where Teardrops Fall“ und „Shooting Star“ vor 26 Jahren bereits mit eigenen Songs angekommen.

Seine Band mit Tony Garnier am Bass, George C. Receli am Schlagzeug, den Gitarristen Charlie Sexton und Stu Kimball sowie Charlie Herron an der Pedal Steel begleitet Dylan nun seit mehreren Jahren, ist perfekt auf ihn eingestimmt und an diesem Abend zu dezenter Begleitung verdammt. So erfährt das ganze Konzert einen legeren Americana-Country-Roll-Swing-Flair mit gelegentlichen Ausflügen in Rock’n’Roll- und Bluesgefilde, wie beispielsweise bei „Early Roman Kings“ mit Dylan am Piano. Hielt sich der größte Songwriter aller Zeiten während seines letzten Hamburg-Besuchs noch relativ getreu an die Originale seines damals aktuellen Albums Tempest, so verändert er nun den Rhythmus von „Duquesne Whistle“ derart, dass „City Of New Orleans“ von Steve Goodman, bei dem sich Dylan wohl die Melodieführung ausgeliehen hat, nicht mehr wirklich zu erkennen ist.

„Pay In Blood“ wiederum verliert leicht an Schärfe, bleibt aber immer noch fies genug, während „Scarlet Town“ voller Reinheit gesungen wird, aber unterschwellig von Dylan mit Düsternis belegt wird, was für das bluesig-dramatische „Beyond Here Lies Nothin‘“ ebenfalls zutrifft. Im Opener „Things Have Changed“ sowie bei „Tangled Up In Blue“ verfällt Bob Dylan in seinen bekannten Nuschelgesang, hingegen er „Spirit On The Water“ mit der vitalen Kraft eines Tom Waits singt. Souverän, edel und erhaben erklingen „She Belongs To Me“ und „High Water (For Charlie Patton)“, leidenschaftlich „Long And Wasted Years“.

Mit dem Meister am Piano und Charlie Herron an der Geige geht es in die Zugabe mit einem mal wieder veränderten Arrangement von „Blowin‘ In The Wind“. Das Beste hebt sich Bob Dylan für den Schluss auf, die Version von „Love Sick“ mit messerscharfen Gitarrenriffs hat eine ähnlich nachhaltige Wirkung wie seine bitterböse „Ballad Of A Thin Man“-Fassung von 2011 im Hamburger Stadtpark. Ein, wie in den letzten Jahren fast immer, faszinierendes, interessantes und eindringliches Bob Dylan-Konzert. Und beim nächsten Hamburg-Gig spielt Dylan mit Sicherheit nicht mehr so viele Sinatra-Songs.

Kommentare

  • Den Bob in Ehren, aber wenn ihm nix anders mehr einfällt als dieser Sinatra-Krampf, sollte er vielleicht doch langsam daheim bleiben und die Rente genießen.
    Viele Grüße,
    Gerhard

    • Aber es ist doch seine aktuelle Studio-Platte, dann darf er auch ein paar dieser Songs spielen, oder? Und er ist halt in the mood for that, why not? Ich finde, es steht ihm gut und in zwei Jahren hat er wieder ein andere Phase… Viele Grüße, Gérard (ich weiß ja, dass Du Dylans Sinatra-Geschichte nicht so magst)

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