Bob Dylan: Shadows In The Night – Album Review

Dylans unendlich traurige, zeitlos schöne Sinatra-Variationen

von Gérard Otremba

Bob Dylan hat mit seinen in den letzten 25 Jahren veröffentlichten Alben kaum mehr was falsch gemacht. Mit Oh Mercy schaffte er 1989 die Wende aus den mediokren 80er Jahren, mit Time Out Of Mind 1997 hinterließ er das erste große Meisterwerk seit Blood On The Tracks, die nachfolgenden Platten Love And Theft, Modern Times und Together Through Life waren exquisite Zeugnisse seines Könnens, und mit Tempest setzte sich His Bobness 2012 die Krone auf sein Alterswerk. Nun singt der 73-jährige Bob Dylan auf Shadows In The Night zehn Songs, die Frank Sinatra bereits in Dylans Kindheits- und Jugendzeit interpretierte. Zwei der wichtigsten Künstler des 20. Jahrhunderts treffen also auf Dylans 36. Studioalbum zusammen, eine Kombination, wie geschaffen, um die Wandlungsfähigkeit des großen Musikers aus Duluth, Minnesota, unter Beweis zu stellen. Dort, wo Bob Dylan in den letzten Jahren ein teilweise ultrafieses Krächzen und Raspeln seinen Stimmbändern entlockte, ist er auf Shadows In The Night so gut es eben nur geht als Crooner unterwegs.

Das geht sogar sehr gut und erinnert in seiner stimmlichen Konsequenz an Dylans Country-Album Nashville Skyline, als er zur Verblüffung vieler samtweiche Töne von sich gab. Das Instrumentarium ist auf Shadows In The Night auf das absolut Wesentliche reduziert. Eine Steel-Guitar greint leise vor sich hin, der Kontrabass wird verhalten gezupft, die Besen fegen sachte übers Drumkit und hier und da runden dezente Bläser das Hörvergnügen ab. Die Lieder sind per se schon keine Ausbünde an Fröhlichkeit, Bob Dylan jedoch zelebriert geradezu eine unendliche Traurigkeit in Songs wie „I’m A Fool To Want You“, „The Night We Called It A Day“, „Autumn Leaves“ oder „Why Try To Change Me Now“. Er katapultiert uns mit Shadows In The Night in eine andere Welt, an einen fernen, durchaus magischen Ort, der so gar nicht in die heutige Zeit passen möchte und doch eine zeitlose, ganz und gar wehmütige Eleganz ausstrahlt. Bob Dylan kann wahrscheinlich nichts mehr falsch machen, auf Shadows In The Night macht er alles richtig.

„Shadows In The Night“ von Bob Dylan ist am 30.01.2015 bei Sony Music / Columbia erschienen.

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