Marcel Gein: Passanten – Album Review

Entdeckungswürdiges Debütalbum des jungen Hamburger Songwriters

von Gérard Otremba

Marcel Gein ist ein Wahlhamburger Sänger und Gitarrist, der mit Passanten sein Debütalbum vorstellt. Die zwölf liebevoll arrangierten Songs verströmen eine sehnsüchtige und tröstliche Aura, die einen vom ersten Akkord an gefangen hält. Unterstützt wird Gein dabei von den erfahrenen Hamburger Musikern Gunther Buskies (Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen) an Bass, Synthesizer, Klavier und Lapsteel-Gitarre und Schlagzeuger Zwanie Jonson (Die Liga, Nils Koppruch & Der Wald), die zusammen mit Gein auch für die Produktion des Longplayers verantwortlich sind, sowie Backgroundsängerin Julia Trenkle und Posaunist Christoph Buskies. Marcel Geins raue, leicht kratzige Stimme verleiht den Liedern einen sanften Tom Waits-Charme. Doch sind Geins Kompositionen wesentlich näher am Songwriter-Pop eines Niels Frevert oder Labelkollegin Desiree Klaeukens zu verorten, als am experimentellen Habitus des genialischen amerikanischen Sonderlings. Melancholisch und verträumt schält sich das Trennungs-Eröffnungsstück „Nummer“ heraus, bevor es mit dem lässigen Indie-Pop in „Marathon“ weitergeht, in dem Gein dem Läufer Fauja Singh ein Denkmal setzt, der als erster 100-Jähriger einen Marathonlauf absolvierte und sich dem Vernehmen nach im Ziel erstmal eine Zigarette anzündete.

Die Ballade „Hätte sein sollen“ bezirzt durch die dezente Bandbegleitung und in „An der Tür“ findet Marcel Gein die absolute Langsamkeit. Mit der er die Intensität einiger Nils Koppruch-Songs erreicht. „Falten“ gleitet sanft dahin, während in „Die Augen sind es wieder“ ein Heinrich Heine-Gedicht leicht abgeändert wird und das pianobetonte „Willkommen zu Hause“ ähnlich wie „Motor“ dunkle, an Nick Cave erinnernde, Schatten wirft. Gefälliger Songwriter-Indie-Pop erwartet uns in „Fassade“ und „Saarbrooklyn“, eins der eindrucksvollsten Songs des Albums, wagt sich zum Schluss in fast rock’n‘rollige Gebiete vor. Gefühlvoll, mit perlender Orgel im Hintergrund, zieht „An den Tagen“ vorbei und im dramatischen „Strecke“ wandelt Gein auf den Spuren von Leonard Cohen. In seinen Texten gelingt es Marcel Gein, das Alltägliche in lakonische Poesie zu verwandeln. Passanten ist ein jederzeit entdeckungswürdiges Album des jungen und talentierten Musikers Marcel Gein.

„Passanten“ von Marcel Gein ist am 23.01.2015 bei Tapete Records erschienen.

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