Leonardo Padura: Ketzer

Leonardo Padura: Ketzer

Das geniale literarische Meisterwerk von Leonardo Padura

von Gérard Otremba

Es gibt immer wieder zeitgenössische Romane, die aus der Vielzahl von guten bis sehr guten Büchern herausragen. Das Wahnsinnswerk Klang der Zeit des amerikanischen Autors Richard Powers ist so eins, auch die Trilogie Das Haus auf meinen Schultern von Dieter Forte hat verständlicherweise meinen literarischen Kanon im Sturm erobert. Ketzer, der neue Roman von Leonardo Padura, gehört nun ebenso in die Liste der unverzichtbaren Bücher, die eine Aura des magischen umgibt. Bereits mit seinem Havanna-Quartett hat Padura nicht nur in der Krimiwelt für Aufsehen gesorgt. Der kubanische Schriftsteller fand in der Person von Leutnant Mario Conde einen Polizisten, der ihm als Sprachrohr für eine sich verändernde Gesellschaft seiner Heimat diente. Inzwischen schlägt sich der nostalgische und verträumte Ex-Kommissar mit dem An- und Verkauf antiquarischer Bücher durchs Leben.

Mario Conde, die Familie Kaminsky und ein Rembrandt-Bild

Durch einen Tipp eines in Miami wohnenden Freundes erhält Conde eines Tages Besuch des Malers Elias Kaminsky, dessen Eltern einst auf Kuba lebten und deren Angehörige im Besitz eines Rembrandt-Bildes waren, das nun auf einer Auktion in London auftaucht und der Kunstgeschichte als „Christuskopf“ bekannt ist. Von Elias Kaminsky erfährt Mario Conde die historischen, mit großen Tragödien verknüpften Familienhintergründe seiner jüdischen Vorfahren, die ganz eng mit dem Rembrandt-Bild verbunden sind. Der 1955 geborene Leonardo Padura springt in den für den Roman relevanten Zeiten umher, erzählt eindringlich von der jüdischen Flüchtlingskatastrophe, die sich im Hafen von Havanna des Jahres 1939 abspielte, entführt den Leser in die Zeit des großen Meisters Rembrandt und der Entstehung des auf dem Buchcover abgebildeten Bildes und beschäftigt sich mit der postmodernen jugendlichen Außenseitergruppe der Emos in Havanna.

Der Roman Ketzer als Manifest für Menschlichkeit, Toleranz und Freiheit

In Paduras Ketzer geht es um alles. Dieser Roman ist ein Manifest für Menschlichkeit, Toleranz und Freiheit. Ein literarischer Gegenentwurf zu Akif Pirinccis neuem hasserfüllten, gesellschaftsspaltenden, reaktionären, geistig rückständigen Pamphlet, das die Intelligenz ins Mittelalter bombt. Leonardo Padura hingegen erhebt als höchstes Menschheitsprinzip „…die Menschen toleranter gegenüber dem freien Willen anderer zu machen, solange diese Freiheit dem Nächsten nicht schadet“. Diese Worte läßt Padura den jungen sephardischen Juden und Rembrandt-Schüler Elias Ambrosius Montalbo de Ávila Mitte des 17. Jahrhunderts in einem Brief an seinen Meister schreiben, nachdem er aus seiner Amsterdamer Heimatgemeinde wegen Ketzerei ausgeschlossen worden ist aus dem Königreich Polen Zeugnis von brutalsten Morden und Verfolgungen an seinen Glaubensgenossen des jüdischen Volkes durch Kosaken und Tartaren ablegt. Elias Ambrosius nimmt eine Schlüsselrolle des Romans ein, dient er doch Rembrandt als Model für eben jenes „Christuskopf“-Bild, das als roter Faden dieses wunderbaren Buches dient.

Die Macht der Kunst, einen Menschen glücklicher zu machen

Leonardo Padura greift in Ketzer die Themen Geschichte, Philosophie, Gesellschaft, Religion, Jugend, Alter, Tod und immer wieder die Frage auf: „Wie viel Ketzerei ist nötig, wenn in einer Gesellschaft, in einem historischen Moment und auf einem einzelnen Lebensweg ein Individuum seinen Anspruch auf freie Willensäußerung in die Tat umsetzen will, wenn er das natürliche Bedürfnis nach der eigenen Freiheit ausleben will?“ Nun, manchmal ist sehr viel Ketzerei dafür nötig, wie wir dem Roman entnehmen können. Stilistisch entwickelt Padura einen Lesefluss, dem man ewig weiterfolgen möchte: „Anscheinend hatte sich Judy eine Philosophie zurechtgelegt, die den Glauben an eine unsterbliche Seele und gleichzeitig den an den freien Willen des Menschen einschloss, mehr noch, auch den Glauben an die Notwendigkeit des freien Willens als einziger Möglichkeit zur Selbstverwirklichung des Individuums ohne die Einmischung entmündigender religiöser oder weltlicher Mächte seitens der Herren des Glaubens und der herrschenden Moral.“ Ein Buch aus einem Guss. In der Tat ein großer Roman, wie bereits in Bücherrezension zu lesen war. „Kunst ist Macht“, behauptet Elias Ambrosio in seinem Brief an Meister Rembrandt, „…diese Macht berührt die Seele des Menschen, pflanzt ihnen Samen ein, der sie besser und glücklicher macht.“ Nach dem Lesen dieses Romans werden Sie genau das sein, ein besserer und glücklicherer Mensch, denn Ketzer von Leonardo Padura besitzt diese Macht. Ein literarisches Meisterwerk.

Leonardo Padura: „Ketzer“, Unionsverlag, Hardcover, 978-3-293-00469-6, 24,95 €.

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