Wolfgang Herrndorf: Tschick

Wolfgang Herrndorf: Tschick

von Gérard Otremba

Den Deutschen Buchpreis hat Wolfgang Herrndorf nicht gewonnen, für den Literaturnobelpreis wird es in absehbarer Zeit wohl auch nicht reichen. Schade eigentlich, landete er doch mit seiner neuesten Buchveröffentlichung „Tschick“ einen absoluten Überraschungshit, der sich sogar auf der Spiegelbestsellerliste in den Top-20 wiederfand.

Der deutsche „Fänger im Roggen“

Man kann diesen wunderbaren Roman einfach nicht häufig genug lobend erwähnen, ist es doch eines jener Bücher, auf das sich das Feuilleton, die Buchhändler und eine breite Leserschaft einigen können. Wolfgang Herrndorf hat seinen J.D. Salinger scheinbar bestens studiert und mit „Tschick“ das endgültige Pendent zum „Fänger im Roggen“ der deutschen Literatur entworfen. Sogar ein Kornfeld taucht im Verlauf seiner Geschichte auf. Und obwohl hier ein pubertierender Außenseiter die Erlebnisse seiner Sommerferien erzählt, gelingt es Herrndorf, auch ältere Leser in den Bann dieses Abenteuerromans zu ziehen. Manchmal erinnert man sich doch wohlwollend an die Prä-Adoleszenz-Phase seines Lebens und Herrndorfs Roman „Tschick“ verklärt diese Jugendzeit nicht, macht sie aber sympathisch.

Maik Klingenberg, 14-jähriger Ich-Erzähler und Außenseiter

Maik Klingenberg, der 14-jährige Ich-Erzähler dieser Geschichte, besucht die siebte Klasse eines Gymnasiums in Berlin Marzahn und muss sich mit der typischen Außenseiterrolle in seinem sozialen Umfeld begnügen. Außerdem bröckelt es gewaltig in seiner bürgerlichen Familienexistenz am Rande der Stadt. Sein Vater ist hochverschuldet und hat eine Affäre mit seiner wesentlich jüngeren Assistentin und seine Mutter pflegt die Beziehung zum Alkohol intensiver als zu allen anderen. Während sie zu Beginn der Sommerferien mal wieder in eine Entzugsklinik eincheckt, sein Vater in den zweiwöchigen Urlaub mit besagter Assistentin abdüst und den Sohnemann mit 200 Euro allein im Haus zurücklässt, beginnt für Maik die zweifellos aufregendste Zeit seines noch jungen Lebens.

Tschick, die erste Liebe und das große Abenteuer

Denn überraschenderweise taucht plötzlich sein Klassenkamerad Andrej Tschichatschow, kurz „Tschick“ genannt, vor seinem Elternhaus auf. Tschick wohnt noch nicht allzulange in Deutschland, hat den Sprung von der Förderschule bis ins Gymnasium geschafft und weil er immer mal wieder betrunken und mit merkwürdigen Klamotten zum Unterricht erscheint, nimmt er eine ähnliche Außenseiterrolle in der Klasse ein wie Maik. Beide gehören sie zu den wenigen Auserwählten, die nicht zur am selben Abend stattfindenden Geburtstagsparty der Klassenschönsten Tatjana eingeladen sind. Selbstverständlich ist Maik über beide Ohren in Tatjana verknallt, ein doppeltes Dilemma also, kann er ihr doch das selbstgezeichnete Portrait von Tatjanas Lieblingsmusikerin Beyoncé als Geschenk nicht überreichen. Doch Tschick hat zufälligerweise einen geklauten Lada parat und will eigentlich nur Verwandte in der Walachei besuchen. Zusammen begeben sich die beiden auf einen abenteuerlichen Trip durch den Osten der Republik und lernen das Leben jenseits der Klassenzimmer kennen. Und Tatjanas Party liegt auch irgendwie auf dem Weg.

Ein witziger, pointierter und kurzweiliger Roman

Dem 1965 in Hamburg geborenen Wolfgang Herrndorf gelingt mit „Tschick“ eine umwerfend komische, pointierte und kurzweilige Lektüre, die von ihren liebevoll beschriebenen Figuren lebt. In seinem dritten Roman nach „In Plüschgewittern“ und „Diesseits des Van-Allen-Gürtels“ bedient sich Herrndorf einer angemessenen Jugendsprache, dankenswerterweise ohne in irgendwelche „Konsti-Deutsch“-Klischees einzutauchen. Übrigens hat der „alte Schwede“ ausgedient. Es muss jetzt wohl „alter Finne“ heißen. Trotzdem bleibt er am Puls der Jugendzeit, behandelt relevante Pubertätsthemen mit Respekt und einem schelmischen Augenzwinkern. Mit einer feinen Selbstironie ausgestattet, hat die mittneunziger Generation in Maik Klingenberg einen sympathischen Sprecher gefunden und alle anderen ein großes Lesevergnügen.

Wolfgang Herrndorf: Tschick, Rowohlt Taschenbuch, 978-3-499-25635-6, 8,99 €

Kommentar schreiben

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.